Wenn Emmanuel Macron am Mittwoch der kommenden Woche zum Weltwirtschaftsforum nach Davos reist, dann wird er dort eine für einen französischen Präsidenten ungewöhnliche Erfahrung machen: Man wird ihn feiern. Frankreich ist für Unternehmenslenker neuerdings so etwas wie ein Sehnsuchtsort. In einer Umfrage unter Führungskräften multinationaler Konzerne gaben kürzlich 72 Prozent der Befragten an, dass sie mit steigenden Investitionen ihres Unternehmens in Frankreich rechnen. Das sind doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren.

Damals schien das Land ein hoffnungsloser Fall zu sein. Mit François Hollande regierte in Paris ein überforderter Zauderer, und an den Weltbörsen wurde schon darüber spekuliert, ob die Franzosen Finanzhilfen aus Deutschland in Anspruch nehmen müssten. Nun vereinbart Macron mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping milliardenschwere Wirtschaftsdeals, bietet Donald Trump in der Klimapolitik die Stirn, und selbst seine innenpolitischen Gegner räumen ein, dass sie dem Präsidenten im Moment wenig entgegenzusetzen haben.

Als Macron im vergangenen Frühjahr gewählt wurde, versprach er, das Land zu "erneuern". Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass das Kalkül aufgehen könnte. Die Wirtschaft wächst, die bisher chronisch hohe Arbeitslosenquote sinkt, und sogar das Defizit des Staatshaushalts geht zurück. Vor wenigen Wochen bescheinigte die Europäische Kommission der französischen Regierung erstmals seit vielen Jahren, haushaltspolitisch wieder auf dem richtigen Weg zu sein. Während Großbritannien mit dem Brexit beschäftigt ist und Deutschland mit sich selbst, bildet sich mit Frankreich ein neues Kraftzentrum in Europa heraus. Das Land habe ein "goldenes Jahrzehnt" vor sich, sagt Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg-Bank.

Das hat zunächst einmal mit einem für französische Verhältnisse ungewöhnlichen Phänomen zu tun: der weitgehenden Abwesenheit von Protest. Im Herbst des vergangenen Jahres riefen die Gewerkschaften zu Demonstrationen gegen die geplante Liberalisierung des Arbeitsmarkts auf. Das bedeutet in Frankreich normalerweise, dass die Nation für Tage lahmgelegt ist und die Regierung nachher einen Rückzieher macht. Diesmal aber waren auf den Straßen gerade einmal ein paar Tausend Menschen unterwegs. Die Lawine "hätte losgehen müssen, aber sie ging nicht los", wie es Macrons Gegenspieler, der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon formuliert hat.

Warum die übliche Eskalationslogik nicht mehr zu greifen scheinen, ist selbst Macrons Anhängern immer noch nicht ganz klar. Vielleicht haben Franzosen nach zehn Jahren Wirtschaftskrise und der drohenden Machtübernahme durch die Rechtspopulistin Marine Le Pen begriffen, dass sich in ihrem Land etwas ändern muss, vielleicht war der Widerstand einfach nur schlecht organisiert. Macron jedenfalls hat die Gunst der Stunde genutzt – und er will es weiter tun. Der Reformkurs würde "mit derselben Entschlossenheit, demselben Rhythmus und derselben Intensität fortgeführt", kündigte er in seiner Neujahrsansprache an.

In den kommenden Monaten will Macron unter anderem die Rentenversicherung umbauen, ein neues Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen und die Zahl der Parlamentarier in der Nationalversammlung reduzieren. Er will Stellen in der Verwaltung streichen und mehr Lehrer in die Problemschulen des Landes schicken. Auch mit den Autofahrern legt er sich an: Vorige Woche senkte die französische Regierung das Tempolimit auf den Landstraßen auf 80 km/h, von 2040 an dürfen Kraftwagen mit Verbrennungsmotoren in Frankreich nicht mehr verkauft werden. Und während Hollande aus Furcht vor innerparteilichen Kontroversen nicht darüber reden wollte, wenn er etwas für die Wirtschaft tat, kündigt Macron seine Vorhaben offensiv an. Das verstärkt den Eindruck, dass da jemand regiert, der etwas verändern will. Derzeit ist immerhin eine knappe Hälfte der Bevölkerung mit dem Präsidenten zufrieden.