Sekt in Weingläsern balancieren die Kellner an einem Morgen Mitte Januar durch die Galerie im Erdgeschoss des Grand Elysée Hotels in Hamburg. Es ist kurz nach zehn Uhr, gleich beginnt der Neujahrsempfang für Vertreter des Kohlehandels. Normalerweise plaudern bei diesem traditionellen Treffen die überwiegend älteren Herren in Anzug und Krawatte darüber, wie die Geschäfte laufen. Vor zwei Stunden jedoch blinkte eine Eilmeldung auf ihren Smartphones: Union und SPD hatten sich in den Sondierungen geeinigt.

Seitdem weiß man auch hier: Zu den Punkten Klimaschutz und Energiewende stehen gerade einmal 39 Zeilen in dem 28 DIN-A4-Seiten langen Papier. Der Kohleausstieg wird nur erwähnt, aber ohne ein festes Datum. Mehr Klimaschutz soll es zwar geben, aber schon in den Verhandlungen war durchgesickert, dass man es damit so genau nicht nehmen will.

Man könnte annehmen, dass sich die Gäste auf dem Empfang in Hamburg beglückt zuprosteten. Als Importeure, Einkäufer oder Kraftwerksleiter profitieren sie schließlich davon, wenn Deutschland weiter Kohle verbrennt. Doch die Stimmung ist ziemlich gedrückt. "CDU und SPD machen vielleicht eine realistischere Energiepolitik als Jamaika, aber wie die aussehen soll, sagen sie nicht", sagt ein Händler. "Kohle-Ausstieg steht im Papier, aber nicht, wann und wie er geplant ist", kritisiert der Chef eines großen Energieunternehmens. Und ein Importeur findet: "Bei Jamaika war der Prozess viel transparenter, da wussten wir wenigstens, wohin es geht."

Mit der Energiewende ist es wie mit einer Diät: Je weniger Zeit bleibt, desto härter der Verzicht

Wissen, wohin es geht – das wünschen sich nicht nur die Kohlehändler. Knapp zwei Monate nachdem die Gespräche über eine Jamaika-Koalition gescheitert und knapp eine Woche nachdem die Groko-Sondierungen geglückt sind, herrscht Verunsicherung in vielen Unternehmen, die ihr Geld mit Gas-, Kohle-, Wind- oder Sonnenenergie verdienen. Die CO₂-Erzeuger und die CO₂-Vermeider wollen auf einmal das Gleiche: eine Ansage aus Berlin.

"Die Energiewirtschaft braucht endlich Klarheit und Investitionssicherheit", sagt Stefan Kapferer, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Bunds der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Er wünscht sich "einen strikten Zeitplan" und macht damit klar: Noch mehr als vor den möglichen Kosten der Energiewende fürchtet sich die Wirtschaft vor Planungsunsicherheit.

In diesem Punkt sind sich die Klimaschützer ausnahmsweise mit den Energieerzeugern einig. "Wir müssen den Umstieg von Kohle, Gas und Öl auf erneuerbare Energien langfristig planbar machen", sagt Felix Matthes vom Öko-Institut. Nur dann könne man die Stromversorgung künftig garantieren. Nur dann könne man rechtzeitig Alternativen für die Regionen planen, in denen durch ein Ende des Kohletagebaus Arbeitsplätze wegfallen. Und nur dann tue man wirklich etwas für den Planeten. Das Fazit des Experten: Dem Klima schadet jeder einzelne Tag, an dem noch mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre landet.

Mit der Energiewende ist es also ähnlich wie mit einer Diät. Will man Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen, kann man das in zwei oder zwölf Jahren schaffen. Je weniger Zeit bleibt, desto härter der Verzicht. Und desto größer die Gefahr, dass es schiefgeht. Union und SPD aber verlieren zu viel kostbare Zeit.