Frage: Herr Delius, was stört Sie an der Erbsünde?

Friedrich Christian Delius: Sie ist ein ziemlich morscher Grundpfeiler des Christentums. Ich habe mir in meiner Streitschrift Warum Luther die Reformation versemmelt hat erlaubt, ein Detail seiner Theologie, die Erbsünde betreffend, näher zu betrachten.

Frage: Fassen wir Ihre Thesen kurz zusammen. Sie halten dem abtrünnigen Augustinermönch Luther vor, sich nicht von seinem Lehrmeister Augustinus distanziert zu haben. Augustinus hat die Erbsünde zum Urgrund unserer Schuld ausgerufen und als katholisches Dogma festgeschrieben. Seitdem sind wir beladen mit Schuldkomplexen, die uns das Leben zur Hölle machen.

Georg Maria Roers SJ: Der Begriff "Erbsünde" wird in der Theologie, lieber Herr Delius, aber anders bewertet. Karl Rahner hat von einem Schuldzusammenhang gesprochen. Damit will er unterstreichen, dass wir Menschen keine perfekten Wesen sind. Das ist doch eine Entlastungskonstruktion und keine Bürde! Wir waren als Ebenbild Gottes geschaffen und haben uns nach dem Sündenfall angemaßt, wie Gott sein zu wollen.

Delius: Das "Wir" ist schön! Im Gegensatz zu Ihnen war ich bei der Erschaffung des Menschen und beim Sündenfall nicht dabei, und ich finde es hirnrissig lustig, schon deshalb ein Sünder zu sein, weil meine Vorfahren bis hin zu Adam oder welchen Affen auch immer Geschlechtsverkehr hatten. So steht es bei Augustin, und Luther hat das nicht infrage gestellt, auch da war er durch und durch Augustiner. Dass wir keine perfekten Wesen und ziemlich schwache Menschlein sind, wissen wir auch ohne den Erbsündenhammer.

Roers: Die Streitschrift ist zu einseitig. Sie lassen an der Theologie des Augustinus kein gutes Haar.

Delius: Es ist ja schön, Herr Roers, dass Sie den Augustinus so verteidigen. Aber das führt doch nicht von der Tatsache weg, dass die Erbsünde und alles, was daran hängt, von ihm erfunden worden ist. Das Christentum ist 300 Jahre ohne diese Theorie ausgekommen, es steht nichts von der Erbsünde in den Evangelien. Erst Paulus hat das Sündenregister verschärft. Paulus war gewissermaßen der Lenin des Christentums. Und Augustinus käme dann die Rolle des Stalin zu, eine zugegebenermaßen verwegene Analogie.

Roers: Wie bitte? Sie setzen Augustinus mit Stalin gleich?

Delius: Ich habe nichts gleichgesetzt. Diese Assoziation soll ja nur einen Radikalisierungsprozess veranschaulichen, der sich von der ursprünglichen Lehre entfernt, diese Lehre pervertiert hat, von der frohen zur drohenden Botschaft. Er war nun mal ein gnadenloser Verfolger aller Christen, die nicht auf seiner Parteilinie lagen.

Frage: Augustinus war mit seiner These auch nicht unumstritten. Er suchte Bündnispartner. Er bestach, wenn man Herrn Delius glauben darf, den Kaiser damals mit 80 numidischen Rassehengsten, um die These zu etablieren.

Delius: Vor allen theologischen Fragen hat es mich ergötzt, welchen Kuhhandel Augustinus mit Pferden betrieben hat, um seine Theorie von der Erbsünde durchzusetzen.

Roers: Ach, und Sie glauben, dass der Papst seine Lehre nach den Meistbietenden ausrichtet? Da kennen Sie die katholische Kirche aber schlecht. Bestechungsvorwürfe entstammen immer dem Repertoire der Polemik. 80 Hengste, das ist ein Geschenk, wie man heute einen großen Kuchen auf eine Geburtstagsparty mitbringt. Das römische Heer hatte Hunderttausende von Pferden. Ihr Argument, dass sich ein Bischof von Rang beim kaiserlichen Hof einschleimen muss, halte ich für dürftig.

Delius: Ich greife nur in die Kirchengeschichte, und die ist meist grauenvoller, als die Theologen sie wünschen. Der Kaiser musste seine Heerführer zufriedenstellen, es waren schwere Zeiten, die Goten unterwegs. Und der Kaiser, so steht es in der Literatur, konnte den Papst dirigieren. Damals, frühes 5. Jahrhundert.

Roers: Mag sein, aber die Debatte um die Erbsünde ist zunächst eine rein theologische und spielte sich im Rahmen eines diskursiven Miteinanders ab. Da geht es immer ums Ganze, auch im Detail. Damals hat sich die Theologie eben mit solch fundamentalen Dingen befasst. Heute geschieht das leider zu wenig.

Delius: Wir sollten bei Augustin bleiben. Er hat einen theologischen Diskurs für sich entschieden, mit einem Geburtstagskuchen, von mir aus. Und mit der Hilfe des Kaisers, die sein Gegner Pelagius nicht hatte.

Roers: Ich bitte Sie! Wie laufen denn solche Entscheidungsfindungen ab? Die Kirche, die Christenheit hat sich ja erst allmählich geformt. Auf der Synode von Karthago von 418 wurde über Ursünde und Gnade debattiert. In der Wissenschaft verlaufen solche Diskurse dynamisch. Und die Theologie ist eine Wissenschaft!