Zunächst kann dieser Widerspruch mit der Konstruktion von Außenfeinden zugedeckt werden. "Die Fremden": Die sind schuld. Sie unterwandern das Sozialsystem – eine Sicht, die Kurz von Strache übernommen hat. "Die Fremden", die "konzentriert" in Quartieren außerhalb städtischer Zentren untergebracht werden sollen. "Die Fremden", die unter Generalverdacht gestellt werden – verantwortlich für Kriminalität und den von der Regierung konstruierten Zwang zum Um- oder Abbau des Sozialstaates.

"Die Fremden": Da wirft diese Regierung rumänische und slowakische Kranken- und Altenpflegerinnen mit syrischen Kriegsflüchtlingen und Zuwanderern aus Afrika in einen Topf. Und riskiert mit dem Abbau der Sozialansprüche von EU-Bürgern eine Aushöhlung des Binnenmarktes; und einen Konflikt mit der EU-Kommission und dem Europäischen Gerichtshof.

Im Regierungsprogramm ist Europa abwesend. Zugedeckt mit Phrasen, diese Regierung werde "proeuropäisch" sein, sagen Kurz und Strache nichts über die Reformpläne von Emmanuel Macron, nichts über das von der Kommission in Gang gesetzte Verfahren gegen die Regierung Polens. Und der Bundeskanzler erklärt, dass die von der Union gefassten Beschlüsse zu einer solidarischen Asyl- und Zuwanderungspolitik nicht durchgesetzt werden sollen.

Die Regierung steigt aus Kerneuropa aus. Darüber können Besuche in Paris und Brüssel nicht hinwegtäuschen: Sollten die Pläne von Macron und Jean-Claude Juncker umgesetzt werden, wird Österreich nicht dabei sein.

Außenministerin Karin Kneissl schweigt zu den Vorstößen freiheitlicher Regierungsmitglieder, eine Verbindung zu den deutschnationalen Kräften Südtirols herzustellen, die in Bozen gegen die von der Südtiroler Volkspartei vertretene Politik der Sicherung des Status quo arbeiten. Die FPÖ kann sich darauf berufen, dass die Verleihung von Doppelstaatsbürgerschaften an Südtiroler deutscher und ladinischer Muttersprache im Regierungsprogramm steht. Damit hat die "neue" Volkspartei der FPÖ ein Instrument zur Störung des europäischen Friedens in die Hand gegeben: Dass Südtiroler italienischer Muttersprache von diesem Privileg ausgeschlossen werden, zeigt den Retro-Deutschnationalismus, der nun Regierungspolitik ist.

Auch auf dem Balkan spielt die FPÖ mit dem Feuer. Der Besuch des freiheitlichen Klubobmannes in der Republika Srpska, der sezessionswilligen serbischen Teilrepublik von Bosnien-Herzegowina, und die Orden, die Johann Gudenus und Strache von den die Kriegsverbrecher von Srebrenica verherrlichenden Nationalisten angenommen haben, konterkarieren die Politik der EU am Westbalkan. Was sagen dazu Bundeskanzler und Außenministerin? Und wer ist überhaupt für Österreichs Europa- und Außenpolitik zuständig?

Am Ende wird die Regierung in Europa ohne Verbündete sein

Das Europa der Union ist der Reibebaum dieser Regierung. Kurz hofiert Viktor Orbán und kritisiert Angela Merkel. Das wird nicht gut gehen. Denn bei der sozialrechtlichen Schlechterstellung der EU-Bürger werden die Visegrád-Staaten nicht auf der Seite der Wiener Regierung stehen können. In einem Konflikt zwischen dem Duo Kurz/Strache und der EU wird Österreich allein bleiben – allein zu Hause in einem kleinen Land. Und dieses zu einer Insel der Seligen hochzuloben kann gerade denen nicht gelingen, die sich einer permanenten Reformrhetorik bedienen.

Das alles ist noch keine Katastrophe. Die Kräfte der Beharrung, die es in der ÖVP und im Dunstkreis von Ländern, Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung gibt, werden das Schlimmste zu verhindern verstehen. Aber strahlenden Zeiten geht das Land mit dieser Regierung nicht entgegen.