Tanz am Abgrund

Was früher der Briefwechsel war, ist heute der SMS-Wechsel. Sein Reiz besteht darin, dass man die Flüchtigkeit des Mediums durch leporelloartige Überlängen der Mitteilungen oder poetische Überhöhungen der Sprache gleichsam torpediert, einerseits, und sich der Flüchtigkeit andererseits bedient, indem man die Sprunghaftigkeit der eigenen Assoziationen und Gedanken nicht scheut.

Der österreichische Bariton Georg Nigl ist ein Meister des SMS-Schreibens. Nigl, 1972 in Wien geboren und ehemaliger Sängerknabe, gilt dem Musikfeuilleton als Inbegriff des "Schmerzensmanns" auf der Opernbühne, als "Meisterhedonist und Megavirtuose" (Süddeutsche Zeitung), ihn zeichne, so schreibt die Welt , "etwas borderlinehaft Junkiemäßiges" aus. Was auch an den Partien liegt: Pascal Dusapins Faustus in Berlin, Rihms Jakob Lenz in Stuttgart, Manfred Trojahns Orest in Zürich – und, aktuell, Luigi Dallapiccolas Il prigioniero (Der Gefangene) in Brüssel. Ein Klassiker der Moderne, eine radikale Grenzgänger-Figur, gefangen zwischen Leben und Tod. Regie führt Andrea Breth, die rostigen Käfige auf der Bühne des Théâtre de la Monnaie stammen von Martin Zehetgruber, Franck Ollu dirigiert. Nigl verehrt dieses Team, man kennt sich aus diversen Produktionen, ist sich längst gegenseitig künstlerische Heimat geworden.

Widrige Umstände verhindern ein Treffen mit dem Bariton in Hamburg, als er an der Staatsoper in Peter Konwitschnys 20 Jahre alter Wozzeck-Inszenierung ein paar Vorstellungen singt. Zum Leitmotiv der Zwölfton-Partitur ("Wir arme Leut’!") regnet es Geldscheine aus dem Schnürboden, und nicht Wozzeck bringt am Ende die arme Marie um, sondern die Gesellschaft, wir alle. An Aktualität hat das nicht verloren, im Gegenteil. Der SMS-Wechsel mit Georg Nigl beginnt, rasch vergessend, dass sich die beiden Textenden, Tippenden persönlich gar nicht kennen.

"Leider hat sich Konwitschnys Sicht auf die Zustände bewahrheitet", schreibt Nigl Ende November, "aber die Linke ist so alternativlos." Viel später, als es um die Bedingungen künstlerischer Arbeit geht, bezeichnet er, der manische Viel-Arbeiter, sich sogar einmal als "Sozi im Herzen". Ist das heute überhaupt noch jemand, Herzens-Sozi, in Österreich, in Europa? In welcher Welt lebt der Mann?

Die nächste SMS kommt aus Brüssel, 2. Dezember, die Proben zum Gefangenen haben begonnen: "Für mich ist das ja himmlisch: Vorgestern haben wir 7 Min Musik 3 Stunden musikalisch gearbeitet und geredet, was wie zu deuten ist. Wenn es doch immer so wäre! Und nicht solche Durchlauferhitzer!" Der Durchlauferhitzer ist der normale Opernbetrieb. Dem Nigl – der bei der Wiener Gesangspädagoginnen-Legende Hilde Zadek, 100, studiert hat und den Dirigenten Nikolaus Harnoncourt seinen geistigen Mentor nennt – wenig bis gar nichts abgewinnen kann. Noch nie. Eine Karriere ganz auf Eigensinn gebaut, vorbei, trotzigen Hauptes, an den Trögen, um die sich alle scharen. Alte Musik, Neue Musik und relativ wenig dazwischen: Das ist Nigls Profil. Hie und da etwas Mozart (wird bald mehr werden), in Zukunft vielleicht der eine oder andere Verdi, aber definitiv kein Puccini. Und kein Richard Strauss.

Interessant ist, dass Nigls Karriere vor ein paar Jahren just zu dem Zeitpunkt Fahrt aufnahm, als sich der klassische Mainstream selbst verachten lernte (aus Gründen des Marktes, aus nichts sonst). Sie nutzen sich eben ab, die notorischen Reize, all die Cover-Schönheiten, die Virtuosen um der Virtuosität willen, das Kassenfutter. Nigl besetzte eine Nische, die unter Sängern weniger verbreitet ist als unter Instrumentalisten: die des Nonkonformisten, des Sonderlings. Und behauptete sich.

21. Dezember, 19.58 Uhr: "So ein Probenprozess kann sehr schmerzhaft sein, weil man während der Suche sich weit öffnen muss. Keine Ahnung, wie andere das machen, aber mir gehen die Rollen schon durch Mark und Bein. Die Phantasie fährt auf Hochtouren, die Nächte sind kurz und Träume nicht so erbaulich. Es ist wunderbar und schön halt auch, aber Geld oder Ruhm ist es nicht, worum es geht, denn da wüsste ich mir Besseres. Es ist ein Tanz am Abgrund, und hoffentlich darf ich noch eine Zeit."

Diese SMS sei ja schon der halbe Artikel, scherze ich und wünsche erholsame Weihnachtstage.

"Ich bin Handwerker"

22. Dezember, 8.36 Uhr, Georg Nigl nennt es "Tagebuch", was er schreibt: "Da steckt was in den Rollen: dem Franz Wozzeck, dem Jakob Lenz und jetzt im Gefangenen, das fasst mich ganz im Innern an, ich kann das gar nicht beschreiben, und wahrscheinlich soll man da auch gar nicht zu viel drüber nachdenken. Aber sie tun mir so unendlich leid, und ich versuche sie mit allem, was ich kann, zu trösten. Wenn die da so allein unterwegs sind und singen, das ist, wie wenn man den Kopf aus dem Horizont stecken würde, in einen anderen Ort."

Als der verrückt gewordene Dichter Jakob Lenz (nach Büchner) hockt Georg Nigl vergangenen Sommer nackt, kotverschmiert, mit gefesselten Knöcheln auf einer Pritsche. Die Inszenierung stammt ebenfalls von Andrea Breth und ist von Stuttgart über Brüssel ans Berliner Schillertheater gezogen. Als der verrückt werdende Soldat Franz Wozzeck (wieder nach Büchner) tritt Nigl aus wie ein Pferd oder gefriert in wiederkehrenden Bittstellergesten, die Knie eingeknickt, den Rumpf um 90 Grad gebeugt, selbst vor Marie. Und als Dallapiccolas halluzinierender Gefangener zu Zeiten der spanischen Inquisition hängt Nigl wie gekreuzigt in seinem Bühnenkäfig. Ich besuche die halböffentliche Orchesterhauptprobe in Brüssel, das Publikum ist eher jung, vielfarbig und trägt Kopftuch oder auch nicht.

Wir treffen uns im Anschluss an die Probe, Georg Nigl kommt zu Fuß, lässt wissen, er müsse eh eine rauchen, und schickt ein augenzwinkerndes Emoji mit herausgestreckter Zunge voraus. Es ist ein bisschen seltsam, ihm gegenüberzusitzen, als würde die Anschauung vor der Intimität des digitalen Austauschs fremdeln. Seine Sprechstimme klingt tenoral, sein Lachen meist auch, er redet schnell und wienerisch, und wenn er nicht weiterweiß, bläst er die Backen auf. Oder sagt, hierzu habe er "noch keine Rolle gemacht", da müsse er nachdenken. Ein Sänger, der im Musiktheater das (eigene) Leben reflektiert? Bemerkenswert.

Liegt in all den "Schmerzensmännern" nicht auch die Gefahr der Routine, eines typologischen Sich-Festfressens? Nigl nickt, einmal, zweimal – und antwortet: "Ich verstehe Menschen nicht, die andere unterdrücken. Aber ich bin katholisch, ich hab als Ministrant den Jesus Christus herumtragen dürfen."

Komödiant wollte er werden, weil sein Vater, der Schneider war, so einen Spaß an Filmen mit Hans Moser und Theo Lingen hatte – bis er 1995 in Mark-Anthony Turnages Ödipus-Oper Greek auf der Bühne stand und spürte, was Ausgesetztsein bedeuten kann, Nacktheit, Einsamkeit: "Das zu erfahren, und ein ganzer Raum atmet mit, ist etwas sehr Schönes." Nigl findet es schwierig, am Theater aufrichtig zu sein und zu bleiben, und zitiert Roland Barthes, aus den Fragmenten einer Sprache der Liebe, das Nichthabenwollen haben wollen. Er liest viel. Plötzlich stockt er, "entschuldige, dass ich dich nicht anschaue, ich bin müd’ und muss mich konzentrieren." Vom etwas voreiligen Du rücken wir mit der ersten SMS am nächsten Tag wieder ab. In aller Gewogenheit.

14. Januar, 12.34 Uhr, in Brüssel beginnt gleich die Generalprobe: "Ich denke, dass mich die Außenseiter einfach sehr interessieren, weil ich mich frage: warum, wie kommt’s? Für mich sind das auch Möglichkeiten, eventuell als Mensch ein bisschen zu wachsen. Sozusagen Hoffnung als letzter Ausweg. Da wird Kunst utopisch, und da fühle ich mich wohler." Und damit niemand glaubt, er meine das jetzt überkandidelt, fügt er um 12.37 Uhr hinzu: "Ich bin Handwerker, wie mein Papa, er mit der Nadel, ich mit den Stimmbändern." Diese österreichische Mischung aus Poesie und Pragmatismus kann einen umhauen.

Nigls Bariton klingt hell, mitunter fast plan, er hat etwas Unverstelltes, Natürliches. Keine Riesenstimme, aber so geführt, dass man jedes Wort versteht. "Fratello", haucht er bei Dallapiccola im sehnsüchtigen Flageolett, "Bruder", und man rätselt, ist’s der Großinquisitor, der dem Gefangenen hier einflüstert, es gäbe so etwas wie Freiheit, wie Erlösung, ist’s Wahn, oder liegt im Sich-Sehnen nur die ärgste Form der Folter? 19.25 Uhr, der Sänger schreibt eine letzte SMS, vorerst, über die Narren in der Kunst und in der Wirklichkeit: "Und wenn man sagt: der Nigl! Ui, das ist ein Spinner, aber kein schlechter Kerl, dann freu’ ich mich."