"Langweile", "Mittelmäßigkeit", "kleiner Wurf" – so begrüßte das Kommentariat die Leistung der Sondierer, die den ersten Brocken auf den Weg zur Groko weggeräumt hatten. Immerhin ging es beim zweiten Mal (fünf Tage) schneller als bei "Jamaika" (vier Wochen), was der schwarz-roten Regie ein paar Punkte hätte einbringen müssen. Doch bleiben wir bei der "Mittelmäßigkeit", die "Mitte", "Maß" und "Mäßigung" enthält. Da schwingen lauter gute Dinge wie "Weisheit" und "Vernunft" mit – anders als bei "radikal" oder "brutal".

Das Programm gibt jedem etwas und nimmt keinem etwas weg. Mehr Rente, weniger Abgaben; mehr Kindergeld, weniger Kita-Kosten, ein bisschen weniger Steuern, mehr Pflegepersonal; weniger Einwanderung, mehr Polizei und Richter ... Wenn die Arbeitgeber "zu viel Umverteilung" monieren und die SPD-Linken zu wenig, dann ist der Kompromiss gerade richtig, weil sich Gewinner und Verlierer die Waage halten.

Eigentlich sollte das Wahlvolk zufrieden sein mit dem "mittelmäßigen" Ergebnis. Ein Blick nach draußen müsste die Kritiker eigentlich dazu animieren, die "Langweile" zu preisen. In Trump-Country überschlagen sich die dramaturgischen Gags. Gerade noch drohte Trump Nordkorea mit dem Atomkrieg; dann lobt er seine "sehr gute Beziehung" zu Kim, dann dementiert er. Der Staat torkelt mal wieder in die Pleite, die der Kongress erst in letzter Minute abwehren wird – oder auch nicht. Dazwischen Trumps Sexkapaden und die landesverräterischen Kontakte der Familie zu Moskau und China.

Grundsätzlich: Die beiden US-Parteien sind so polarisiert, dass Sondierungen schon nach einer Viertelstunde platzen würden. Spanien droht der Zerfall. Italien kann von einer halbwegs stabilen Groko nur träumen. In Polen und Ungarn sägen die Machthaber an den Stützen der liberalen Demokratie. In Moskau und Ankara herrschen Autokraten, in Mittelost tobt der Machtkampf auf dem Schlachtfeld, nicht im Parlament.

Demokratische Politik muss Mitte und Maß bewahren. Genauer: Gerade die "Langweile" entpuppt sich als Segen, weil sie einen soliden Grundkonsens widerspiegelt, den die sich selber zerfleischende Weimarer Republik nicht hatte. "Interessant" geht es nur in zerrissenen Gemeinwesen zu, wo die Radikalen sich gegenseitig hochschaukeln. Nicht dass die Bundesrepublik keinen Entscheidungsbedarf hätte; die hat auch die bestverfasste Gesellschaft. Die Extreme raunen hier von schicksalhaften Bruchlinien, die nur ein radikaler Eingriff schließen könne – und wütende Verlierer hinterlasse. In diesem Land beruht der innere Frieden auf Regierungen (welcher Couleur auch immer), die das Steuer nur ein paar Grad nach links oder rechts drehen. Oder praktischerweise beides zugleich, wie es die Noch-nicht-Groko verheißt.

Erhebend ist ein solches System nicht, aber es stärkt das Vertrauen, wenn der notwendige Wandel dosiert daherkommt, wie ihn das Sondierungspapier verschrieben hat. Wo der "große Wurf" fehlt, bleiben auch die großen Fehler aus. Und die kleinen können umso leichter korrigiert werden, und zwar auf der Grundlage der Erfahrung. Die beste Politshow – spannender als House of Cards – läuft derzeit in Trumps Amerika ab. Doch wo in Deutschland die breite Mitte den Ton angibt, klafft in Amerika ein ebenso großes Loch. Ein Lob dem Mittelmaß – dem Maß und der Mitte.