Utopien tragen ihre Unmöglichkeit schon im Wort, sie bezeichnen den Ort, der niemals zu erreichen ist, einfach weil es ihn nicht gibt. Aber welchen Wert haben dann Utopien überhaupt? Vor allem einen: Sie rücken die fahle Wirklichkeit, die vor sich hin glimmende Gegenwart in ein anderes, grelleres Licht.

So verhält es sich auch bei jener Utopie, die SPD und Union nun den Wählerinnen und Wählern anbieten. Das vierzehnpunktige Sondierungsabkommen, die zahllosen Äußerungen führender Möchte-ungern-Koalitionäre, die herumgeraunten Kabinettslisten – all das atmet den hellen Geist einer Utopie, und diese Utopie heißt: NORMALITÄT, genauer gesagt: bundesrepublikanische Normalität.

Und ja: Wer könnte sich dem Reiz dieser Vision niemals endender Bundesrepublik entziehen? Wer wollte sich nicht liebend gern der Idee verschreiben, dass die berstende politische Wirklichkeit bewältigbar sein könnte durch Maßnahmen begrenzter Reichweite, konzipiert im Geiste der mittleren Vernunft, vertrauend auf die normative Kraft des Taktischen?

Wie anders sieht plötzlich auch das Jahr 2017 aus, wenn man es durch die Brille der Neo-Normalität betrachtet. Wieso Neo, werden sich nun einige fragen, was soll neu sein an einer großen Koalition, die auf eine große Koalition folgt. Nun, zwischen den beiden Grokos hatte sich ja ein ganz anderes Regime geschoben, da lagen die schier endlosen Wochen, in denen täglich eine verrückte Jamaika-Koalition vom Balkon winkte und mit ihren Twitter-Feeds die Schlagzeilen, wenn nicht gar das Land beherrschte. Das mag alles furchtbar amüsant gewesen sein, andererseits: Können wahllos sich verbrüdernde junge Männer mit viel zu kurz geschnittenen Anzugjacken wirklich ein Land wie dieses regieren? War dieses ganze Dobrindt-Lindner-Spahn-Ding nicht bloß ein selbst gemachter Hauptstadt-Hype, der letzte Versuch frischfrommer Burschikosität?

Im Rückblick, also von der Warte der Neo-Normalität aus gesehen, wirkt das alles wie ein leicht hysterischer Kindergeburtstag, der im Streit endet. Nun ist der Kindergeburtstag vorbei, die Erwachsenen übernehmen, und irgendwann später wird dann Ursula von der Leyen Angela Merkel sein, und Andrea Nahles wird Martin Schulz und Sigmar Gabriel in einem. Ja, warum denn nicht?

Überhaupt erscheint das ganze politische Jahr 2017 mittlerweile, von Grokotopia aus gesehen, als eine merkwürdige Abirrung vom Pfad der Normalität, gerade deshalb wirkt der Ruf "Make Germany normal again" nun auch reizvoll. Denn wann je, außer vielleicht 1968, wurde für den Lümmel im Volk eine so hohe Quengelprämie ausgeschüttet, wann wurden sämtliche Äußerungen politischen Unmuts – Wut, Sorge, Angst, Betroffenheit, Hass et cetera – so freigebig, ja verschwenderisch mit öffentlicher Aufmerksamkeit belohnt wie eben im fatalen Jahr 2017?

Wie von Geisterhand gesteuert, gaben beide Regierungsparteien das Feld der politischen Gefühle frei. Sogleich machten sich Populisten und Populäre, Schwarz-Weiß-Denker und Schwarz-Weiß-Fotos in diesem Vakuum breit, weswegen ein quasi undeutsches Wahlergebnis zustande kam. Mittlerweile jedoch hat sich das alles ausgetobt, und das wahre Wesen des Landes kommt ans Licht, beleuchtet von den sirrenden Sonnen der Utopie: Deutschland ist REICH, es hat immer weniger Schulden, immer mehr Steuereinnahmen, immer weniger Arbeitslose, immer mehr Erwerbstätige, eine Regierung kann geben, geben, geben und sich auch ein bisserl was nehmen – wie eh und je.