DIE ZEIT: Herr Beckstein, worin besteht politische Macht?

Günther Beckstein: Im Grunde ist das die Möglichkeit, starken Einfluss auf künftige Entwicklungen zu nehmen. In Reinform ist das allerdings sehr, sehr selten. Zur Macht gehört auch, dass man Fehlentscheidungen unkommentiert durchsetzen kann.

ZEIT: Wenn Sie einen Raum betreten, in dem sich etwa Mitglieder einer Partei oder Fraktion versammelt haben: Erkennen Sie dann sofort, wer darunter der oder die Mächtige ist?

Beckstein: Das ist sofort erkennbar! Alle Blicke richten sich auf ihn. Gespräche werden leiser oder gleich eingestellt, wenn er den Raum betritt oder sich im Raum bewegt. Wenn Sie zum Beispiel als Minister in eine Abteilung kommen, können Sie jedes Gespräch sofort beenden, auch darin zeigt sich Macht.

ZEIT: Sind sich die Mächtigen dessen bewusst?

Beckstein: Ja, dessen ist man sich schon bewusst.

ZEIT: Ist das ein gutes Gefühl?

Beckstein: Unangenehm ist es nicht.

ZEIT: Woran merkt man, dass man Macht verliert?

Beckstein: Man wird zum Beispiel von bestimmten Menschen nicht mehr angerufen, anderen Entscheidungsträgern oder solchen, die glauben oder wissen, dass man einen Informationsvorsprung hat, und die etwas wissen wollen. Man wird nur angerufen, wenn man in eine Entscheidung auch involviert ist. Wenn Sie nicht mehr angerufen werden, merken Sie: Da läuft etwas an Ihnen vorbei.

Als Politiker orientiert sich alles daran, Einfluss zu gewinnen.

ZEIT: Wie war das, als Sie die Macht verloren haben?

Beckstein: Ich bin 2008 als Ministerpräsident ausgeschieden, als Seehofer gewählt wurde. In dem Moment wechselt die ganze Ausstattung mit zum neuen Amtsinhaber. Als amtierender Ministerpräsident bin ich oft U-Bahn gefahren. An dem Abend meines Ausscheidens wollte ich das aber nicht. Ich stand plötzlich allein da, ohne meinen Fahrer, vor dem Landtag und fragte: Wer bringt mich denn jetzt eigentlich nach Hause? Ein Mitarbeiter hat das dann für mich organisiert.

ZEIT: Das klingt bitter.

Beckstein: Der Verlust von Macht ist sehr, sehr schmerzhaft. In der Politik besonders, weil es selten selbstbestimmt geschieht, sondern meist von außen gesteuert wird. Das ist ein massiver Verlust.

ZEIT: Wie fühlt sich das an?

Beckstein: So ähnlich wie wenn man jemanden verliert, im Extremfall durch den Tod oder wenn eine Freundschaft zerbricht oder aufgekündigt wird oder ein enger Freund wegzieht. Als Politiker richten Sie Ihr Leben daran aus, alles orientiert sich daran, Einfluss zu gewinnen, Macht.

ZEIT: Wie sind Sie mit diesem Verlust umgegangen?

Beckstein: Indem ich mir bewusst keine Gefühle erlaubt habe und mir immer wieder gesagt habe: Das ist das Normalste der Welt. Sehr geholfen hat meine Frau, die sagte: Günther, nimm dich nicht so wichtig. Nach einer Weile habe ich es dann als sehr befreiend erlebt, nicht mehr im Amt zu sein.