Aus den Fachhochschulen sind kleine Universitäten geworden. Wie konnte das passieren?

Die Direktoren kümmerten sich nicht um den Dienstweg, sondern platzten gleich beim Chef ins Büro. Sie überreichten Jean-Pascal Delamuraz, dem Vorsteher des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements und damit dem obersten Berufsbildner des Landes, einen Bericht, in dem sie skizzierten, wie sich ihre Ingenieurschulen künftig entwickeln sollten. Das war im Jahr 1990.

Die Herren hatten ein Problem: Ihre Höheren Technischen Lehranstalten (HTL) und deren Abgänger, so klagten sie, würden auf dem Arbeitsmarkt unter ihrem Wert eingestuft. Nicht nur in der Schweiz, sondern vor allem in Europa, in der Europäischen Gemeinschaft (EG), die damals drauf und dran war, sich zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum zu formen. Keine Firma wisse dort, was sie an einem HTL-Ingenieur habe. Mehr noch: Die EG drohe, die Schweizer Diplome nicht mehr zu anerkennen. Der Bundesrat hörte sich die Klagen an – und handelte schnell.

So kam es, dass vor bald dreißig Jahren die Schweizer Berufsbildung radikal umgekrempelt wurde. Aus den früheren Technikum-Schulen, den Konservatorien oder Lehrerseminaren wurden Hochschulen, die heute den kantonalen Universitäten und den beiden ETH gleichgestellt sind. Sie lehren und forschen, sie unterstehen einem gemeinsamen Rahmengesetz, einer gemeinsamen Dachorganisation, und seit der großen Bologna-Reform verteilen sie sogar dieselben Titel: den Bachelor und den Master.

Aber was als Aufwertung der höheren Berufsbildung gedacht war, führte in vielen Lehrgängen zu einer Nivellierung. Aus den praxisnahen Anstalten wurden theorieverliebte Elfenbeintürme.

So beklagen es Ingenieure wie Lorenz Zellweger und seine Initiative Pro-Ing, die für mehr Praktiker an den Fachhochschulen kämpft.

So beklagt es dieser Tage aber auch der wirtschaftsnahe Thinktank Avenir Suisse. In einer am Mittwoch vorgestellten Studie über die Schweizer Hochschullandschaft schreiben die Ökonomen: "Die Universitäten und die Fachhochschulen unterscheiden sich immer weniger voneinander."

Die Fachhochschulen suchen ihre Dozenten an den Unis statt in der Privatwirtschaft

Gewollt war diese Verwischung nicht. Im Gegenteil. Als der Bundesrat im Jahr 1998 die sieben neuen Fachhochschulen benannte, die er künftig finanziell unterstützen wollte, schrieb er ihnen ins Stammbuch: Sie sollten "gleichwertig, aber andersartig" sein. So steht es noch heute im Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetz.

Die Fachhochschulen sollten näher an der Wirtschaft, näher an der Praxis sein als die Universitäten und trotzdem nicht als zweitklassig gelten. Sie sollten Lehrlingen mit einer Berufsmatura eine tertiäre Ausbildung anbieten, in der sie ihr praktisches Wissen erweitern können. Und sie sollten das duale Berufsbildungssystem ins 21. Jahrhundert tragen. In eine Welt, in der auch der Praktiker immer häufiger im Büro vor dem Computer sitzt als in der Werkstatt an der Drehbank steht. In der er bei der Arbeit eher seinen Kopf denn seine Hände braucht.

Was also ging schief in den vergangenen zwanzig Jahren?

Nichts, sagen die Fachhochschulen selber. Klar, auch sie müssten sich und ihre Praxistauglichkeit immer wieder justieren. Aber eigentlich sehen sie sich als Erfolgsmodell – und die Zahlen geben ihnen recht. Nicht nur nimmt die Anzahl der Studiengänge für Bachelor- und Masterabschlüsse stetig zu, auch schreiben sich immer mehr junge Menschen an einer FH ein. Heute studieren 20 Prozent mehr Berufsabgänger an einer Fachhochschule als noch vor fünf Jahren, an den Universitäten stiegen die Studentenzahlen um lediglich zehn Prozent. Wer in der Schweiz die Spuren der viel zitierten Bildungsexplosion sucht, der findet sie in den Klassenzimmern und Hörsälen der Berufsmaturitäts- und der Fachhochschulen. Sie sind so gut besetzt wie nie zuvor.

Erfolgsmodell FH – das sieht auch der Bundesrat so. In einer Antwort auf ein Postulat, das eine klarere Abgrenzung zwischen Universitäten und Fachhochschulen forderte, schreibt er: Es gebe "keinen Anlass, einen Bericht zu erstellen oder weitere Maßnahmen zu ergreifen".

Die Studienautoren von Avenir Suisse sehen das anders. "Die definierten Ziele der Profilbildung der Hochschulen werden zurzeit nicht erreicht." Schuld daran sind aber nicht allein die Fachhochschulen. Sondern ebenso die Universitäten, die Politik – und der Zeitgeist.

Da sind einmal die Titel. Ob ein Bachelor, ob ein Master von einer Universität oder einer Fachhochschule verliehen wurde, ist heute einerlei. Bachelor ist Bachelor, Master ist Master.

Da sind aber auch die Aufträge der Politik an die Hochschulen, die sich immer mehr angleichen. Sie sollen, egal ob FH oder Uni, sich und ihre Studiengänge stärker selber finanzieren – und gleichzeitig mehr Forschung betreiben.

Deshalb forschen die Universitäten immer öfter im Auftrag oder in Kooperation mit der Wirtschaft, womit sie die Fachhochschulen konkurrieren. Deshalb versuchen aber auch alle Schulen aus allen Fördertöpfen möglichst viel Geld zu schöpfen.

So unterstützt der Schweizerische Nationalfonds heute auch FH-Projekte, obschon er für die universitäre Forschung gedacht ist, während ETH-Forscher immer häufiger bei der Innosuisse-Agentur anklopfen, obschon deren Mittel für die Fachhochschulen, also für die angewandte Forschung reserviert sind.

Wer schnell und stark wächst, der verliert leicht den Fokus

Am offensichtlichsten zeigt sich die Angleichung der beiden Hochschultypen in der Professorenschaft; das erzürnt denn auch Kritiker wie Lorenz Zellweger am meisten.

Früher dozierten an den FH fast ausschließlich Praktiker mit jahrelanger Berufserfahrung. Die tertiäre Berufsbildung war auch kulturell eine Fortsetzung des Lehrlingswesens: Meister lehrt Gesellen. Der Lehrmeister tat und tut das nicht nur aus Eigennutz, weil er eine günstige Arbeitskraft in der Firma braucht, einen potenziellen Nachfolger. Er tut das für sein Metier, seine ganze Branche. So dürfte auch der Dozent am früheren Technikum gedacht haben.

Heute rekrutieren die Schulen ihr Personal vorwiegend unter in- und ausländischen Uni-Absolventen. Ein Grund dafür: Die Fachhochschulen kennen bis heute keine funktionierende Nachwuchsförderung. Auch, weil sie kein Promotionsrecht haben.

Sie wären also, wie früher, auf Berufsumsteiger angewiesen, die ihre lukrativen Jobs in der Privatwirtschaft – zumindest teilweise – aufgeben würden, um an eine Fachhochschule zu wechseln. Was in der Kreativwirtschaft ein beliebtes individuelles Businessmodell ist – Grafiker mit eigenem Büro bessert sein Gehalt mit einer Mini-Dozentur auf –, das funktioniert in anderen Berufsgattungen nur noch schwer. Wer heute aus seiner Karriere aussteigt, verliert gerade in den technischen Disziplinen schnell den Anschluss.

So teilen die Fachhochschulen in der Schweiz das Schicksal aller Boombranchen: Wer schnell und stark wächst, der verliert leicht den Fokus. Erst recht, wenn er immer mehr Geld für sein Tun bekommt. Seit dem Jahr 2000 wuchsen die Bildungsausgaben in der Schweiz um mehr als die Hälfte, im Hochschulbereich um über 70 Prozent. Doch nicht jeder Franken, der in die Bildung fließt, ist ein guter Franken. Das gilt auch in einem Land wie der Schweiz, in dem es keine anderen natürlichen Ressource als kluge Köpfe gibt.

Die Hochschulbildung entspreche heute einer Art regionalem Service public, schreibt Avenir Suisse in ihrer Studie. Die Studenten wissen das zu schätzen: Bei der Studienwahl ist entscheidend, wie nahe die Hochschule beim Elternhaus steht.

Die Thinktank-Ökonomen schlagen deshalb vor, dass der Bund die Grundfinanzierung der Hochschulen stufenweise reduziert. Spüren würden das allen voran die Fachhochschulen, die stärker auf Bundesgelder angewiesen sind als die kantonalen Universitäten. Weniger Mittel sollen die Schulen dazu zwingen, sich zu beschränken. Auf das, was sie am besten können, was sie von anderen Instituten unterscheidet. Entstehen soll schließlich ein ebenso effizientes wie ausdifferenziertes System von Hochschulen. Oder neudeutsch: Exzellenz-Cluster.

Ob es dazu kommt? Wohl kaum. In der Schweiz ist Bildungspolitik immer Regionalpolitik. Zu stark ist der Wunsch einer Stadt, eines Kantons, seine eigene Hochschule zu haben. Ob dort mehr Theoretiker oder Praktiker unterrichten, ist einerlei.

Und so müssen die Ingenieure um den Thuner Lorenz Zellweger auf ein Projekt von Innosuisse hoffen. Ab dem nächsten Jahr will die Agentur dafür sorgen, dass künftige FH-Dozenten häufiger in die Forschungsabteilungen von Firmen schnuppern.