Deutet man jüngste Äußerungen deutscher Bischöfe richtig, wird die am 1. Oktober 2017 eingeführte Ehe für alle die Einstellung der katholischen Kirche gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften verändern. Schon erste Stellungnahmen zur überhasteten Entscheidung des Bundestages ließen aufhorchen. Zwar wird die Abkehr vom klassischen Ehebegriff, der darauf angelegt ist, dass Mann und Frau sich fortpflanzen, einhellig bedauert und kritisiert. Zugleich aber werden "jene gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, in denen über viele Jahre hinweg gegenseitige Verantwortung und Fürsorge übernommen wird", ausdrücklich respektiert, so Erzbischof Heiner Koch, der in der Deutschen Bischofskonferenz für Ehe und Familie zuständig ist.

Anfang Januar dieses Jahres äußerte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, in einem Interview mit der Zeitschrift Herder Korrespondenz die Überzeugung, homosexuelles Verhalten dürfe nicht objektiv, ohne den "Blick auf die Gewissenssituation des Einzelnen" als schwere Sünde qualifiziert werden. Sein Stellvertreter, Bischof Franz-Josef Bode, plädiert wenige Tage später in der Neuen Osnabrücker Zeitung für eine differenzierte Bewertung homosexueller Partnerschaften: "Ist da nicht so viel Positives, Gutes und Richtiges, dass wir dem gerecht werden müssen?", fragt er. Und er geht noch einen Schritt weiter. Weil es Anerkennungswürdiges in rechtlich verbindlichen homosexuellen Beziehungen gibt, könne man auch "über eine Segnung nachdenken – die nicht zu verwechseln ist mit einer Trauung".

Die Segnung einer homosexuellen Lebenspartnerschaft bejaht und preist das in ihr erfahrene Glück und spricht den Partnern die Nähe und Treue Gottes zu. Immer wieder bitten schwule oder lesbische Paare um diesen Segen. Viele Priester wollen solche Paare nicht zurückweisen und nehmen dafür mitunter kirchliche Konflikte in Kauf. In Zukunft werden (nach staatlichem Recht) gleichgeschlechtliche Eheleute und nicht mehr Lebenspartner um den Segen bitten. Vielleicht werden sie auch in einem kirchlichen Arbeitsverhältnis stehen. Ist die Kirche bereit, das Gute und Richtige in homosexuellen Ehen anzuerkennen, würde dies auch Verkrampfungen im Umgang mit homosexuellen Seelsorgerinnen und Seelsorgern lösen. Sie würde von den menschlichen Qualitäten und nicht den Defiziten von Homosexuellen sprechen. Die Kirche könnte in sich gehen und Abbitte bei denen leisten, in deren Biografien sie in der Vergangenheit gewütet hat.

Die Abkehr von der bisherigen generellen Verurteilung homosexueller Beziehungen und der Wille zur differenzierten Wahrnehmung von Lebenssituationen haben verschiedene Gründe. Um die Tragweite des Umschwungs ermessen zu können, sei kurz an die Haltung der Vergangenheit erinnert. Die von den deutschen Bischöfen in früheren Jahren geteilte römische Position lautete: "Es gibt keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn. Die Ehe ist heilig, während die homosexuellen Beziehungen gegen das natürliche Sittengesetz verstoßen." Homosexuelle Handlungen, so die Überzeugung der Glaubenskongregation im Jahre 2003, können "in keinem Fall" gebilligt werden, da sie nicht auf Fortpflanzung hin ausgerichtet und daher kein Ausdruck von wahrer menschlicher Liebe seien. Jeglichem Rechtsinstitut für homosexuelle Partnerschaften müsse widersprochen werden.

Aus der moralischen Ablehnung homosexuellen Verhaltens folgte die politische Kritik an gesellschaftlichen Strukturen, die man als begünstigend interpretierte. Homosexualität gilt manch Frommen noch immer als eine individuelle und soziale Pathologie. Andere sehen sie als beklagenswertes Unglück im göttlichen Schöpfungsplan – ähnlich einem Erdbeben oder einer Krankheit. Homosexuelle könnten daher in ihren Beziehungen nichts wirklich Gutes und Richtiges erfahren, heißt es. Wer anderes behaupte, täusche sich. Wer denke, die verantwortliche Gestaltung der eigenen Sexualität gehöre in den Bereich der Gewissensfreiheit, täusche sich ebenfalls. Die zitierten bischöflichen Bedenken gegenüber einem bestimmten sexualethischen Rigorismus dokumentieren jedoch, dass man die katholische Position in dieser Frage nicht weiter vom gegenwärtigen Menschenrechtsdenken abdriften lassen will. Man respektiert den menschlichen und sozialen Wert einer homosexuellen Gemeinschaft. Von der Behauptung einer kompletten Analogielosigkeit zwischen der Ehe von Mann und Frau und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nimmt man Abstand. Das hebt den Unterschied zwischen beiden Institutionen hinsichtlich der Möglichkeit der gemeinsamen biologischen Elternschaft nicht auf. Die rechtliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften – nicht notwendigerweise in der Form der Ehe – ist in Europa heute eine menschenrechtliche Forderung.