Seit Jahren trage ich eine schwere Bürde, ein Geheimnis, das ich in Schweigen gehüllt habe. Meine Vorgesetzten möchten nicht, dass ich dieses Geheimnis öffentlich mache. Wenn ich einmal habe sprechen wollen, befahl man mir, weiter zu schweigen.

"Schhhhh ... sei still."

"Behalt es für dich."

"Sag niemandem ein Wort."

"Wenn du nicht die Klappe hältst, werfen sie dich raus."

"Solltest du es öffentlich machen, wird es dem Amt schaden."

Ich erinnere mich an die Kämpfe des Propheten Jeremia, der das Wort Gottes für sich behalten wollte, weil es unter denen, die ihn predigen hörten, sehr schlecht ankam. Obwohl er sich vorgenommen hatte, nicht mehr im Namen des Herrn zu sprechen, konnte er doch nichts für sich behalten: "Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so brannte in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es auszuhalten, vermochte es aber nicht." Jeremia versteht die Qualen des Predigers. Schweigt man jedoch, anstatt zu sprechen, bezahlt man mit noch größeren Schmerzen. Was für eine Falle!

Heute breche ich die Stille. Ich streife die Fesseln der Schande ab, die mir als Jugendlicher angelegt wurden. Es gibt so vieles, über das ich sprechen möchte, das ich reparieren möchte. Es gibt vieles, das heilen sollte. Es gibt noch so vieles jenseits dieser niedergeschriebenen Zeilen.

Ich bin schwul.

Seit dem Knabenseminar in den achtziger Jahren wurde mir beigebracht, dass Homosexualität gestört ist, dass man für sie bestraft wird. Freunde mit "besonderen Bekanntschaften" wurden sofort des Seminars verwiesen, offiziell wegen familiärer Probleme. In meinem letzten Schuljahr führte ein Mönch eine Befragung durch, er wollte sexuell aktive Schüler ausfindig machen und disziplinieren. Nach dem Gespräch sagte er mir, dass ich über meine Gedanken mit niemandem sprechen dürfe, sonst würde ich sofort von der Schule fliegen. Wegen dieser schambesetzten Geheimniskrämerei lebten die Schüler in ständiger Angst und unter dem Zwang, schweigen zu müssen. Es war klar, dass die Direktion alles unter den Teppich kehren wollte. In diesem verschwiegenen Milieu bin ich aufgewachsen.

Die Worte des Schriftstellers Jack Morin klingen prophetisch für meine Ohren: "Wenn man seine Sexualität bekämpfen will, wird man verlieren und sich in noch größeren Schwierigkeiten wiederfinden als vor dem Kampf." Seit meinen traumatischen Erfahrungen im Knabenseminar bin ich ins Akademische eingetaucht, habe auf diese Art meine Berufung für die Kirche erkundet. Wenn ich jetzt über jene Jahre nachdenke, wird mir klar, wie sehr ich damals meine Gefühle unterdrückt habe, um als heterosexueller Mann leben zu können. Bis sich eines Tages, mit 24 Jahren, auf einer fünfstündigen Fahrt zurück ins Priesterseminar, die Wahrheit Bahn brach und über das Verleugnen siegte. Ich gestand mir ein: Ich bin schwul! Ich musste mich anstrengen, auf meiner Straßenseite zu bleiben, nicht von der Fahrbahn abzukommen. Immer und immer wieder habe ich wiederholt: Ich bin schwul! Jahre der Scham manifestierten sich in Tränen, die meine Wangen herunterströmten.

Es fühlte sich an wie ein Urteil auf "lebenslänglich", nicht wie eine sexuelle Befreiung.

Ich ging in den fünften Stock des Priesterseminars, öffnete das Fenster und stieg hinaus. Ein Bein war noch im Zimmer, das andere hing schon draußen. Drei Stunden saß ich auf dem Fensterbrett und überlegte, ob ich der Wahrheit würde ins Gesicht sehen können – oder ob ich springen sollte.

Ich dachte ununterbrochen über den Satz "Ich bin schwul" nach. Was sollte ich denn tun? An wen sollte ich mich von nun an wenden? Ich erinnerte mich an die Worte meines Schuldirektors: Du wirst rausgeworfen, wenn du jemandem etwas sagst. Jahrelang hatte ich doch meine Berufung gespürt, ich wollte den Menschen in der Kirche dienen. Innerlich spürte ich eine Art Verschiebung, eine Versicherung: Ja, ich will leben, ich will nicht sterben. In einem Moment der größtmöglichen Verzweiflung und der Aufgabe schrie ich still: "Gott, wo bist du jetzt? Ich brauche dich. Hilf mir. Ich kann mich dem allein nicht stellen." Ich wischte die Tränen weg, kletterte vom Fensterbrett herunter, stellte mich fest und sicher auf den Boden des Seminars.