DIE ZEIT: Frau Berben, Sie sind seit 2010 die Präsidentin der Deutschen Filmakademie und gehören seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen des Landes. In Umfragen wurden Sie immer wieder zur "erotischsten Frau Deutschlands" gewählt: Es gibt wohl kaum jemanden, der geeigneter ist, über den Stand der #MeToo-Debatte in der Filmindustrie zu sprechen.

Iris Berben: Wissen Sie, wovor ich mich fürchte? Vor den billigen Schlagzeilen. Ich kann mich gar nicht retten vor Nachfragen: Was ist Ihnen Schreckliches in all den Jahren passiert? Erzählen Sie doch! Das geht vielen Kolleginnen genauso. Was wir aber jetzt wirklich nicht brauchen können, ist eine hysterische, voyeuristische Debatte, die dann genauso schnell wieder verschwindet. Dazu ist das Thema viel zu ernst. Es geht im Kern um Machtmissbrauch und darum, wie der in Zukunft möglichst verhindert werden kann. Wir in der Filmakademie versuchen gerade geschützte Räume zu schaffen, in denen eine echte Diskussion und eine Aufarbeitung stattfinden kann.

ZEIT: Wie sieht das aus?

Berben: Wir haben damit begonnen, eine Art von Arbeitsgruppe zu bilden, unter Anleitung von geschulten Psychologen, in der Menschen aus unserer Branche von ihren Erlebnissen erzählen – und was sie nun damit machen wollen und können. Wir spüren ein großes Bedürfnis, es gibt viel zu erzählen. Das Besondere ist: Es findet erst mal ohne Öffentlichkeit statt.

ZEIT: Der Zustand der Debatte hat sich verändert, seit es einen Namen gibt: Dieter Wedel, ein sehr erfolgreicher Fernsehregisseur. Mehrere Frauen haben ihn im ZEITmagazin vor zwei Wochen der sexuellen Nötigung bezichtigt. Dieter Wedel hat die Vorwürfe strikt zurückgewiesen.

Berben: Ich finde es in Ordnung, dass es jetzt einen Namen gibt. Ich habe großen Respekt vor diesen Frauen. Dazu gehört viel Kraft. Wie sagt man? Aus Wut wird Mut. Das finde ich gut.

ZEIT: Kennen Sie Herrn Wedel persönlich?

Berben: Ja. Ich habe mit ihm vor vielen Jahren eine unangenehme Geschichte erlebt. Es war 1977, es ging um eine Episodenreihe im Vorabendprogramm, der Titel war Halbzeit, im Mittelpunkt standen die Probleme von Frauen um die dreißig. Herr Wedel hatte damals schon den Ruf, dass er sich gelegentlich Frauen auf unangemessene Weise nähert. Aber ich dachte, das kann ja auch nichts als ein Klischee sein.

ZEIT: Und?

Berben: Zunächst fand eine Drehbuchbesprechung statt, es war in einem Hotel in einem gemieteten Raum, alles lief ganz normal, die gecasteten Schauspieler saßen um einen Tisch, es war eine professionelle und durchaus angenehme Atmosphäre. Irgendwann waren wir fertig, es war früher Abend, und dann sagte Wedel, Iris, ich bräuchte Sie noch allein.

ZEIT: Was dachten Sie?

Berben: Das ist lange her, aber ich glaube schon, mir ging durch den Kopf: Oh, dieses Klischee wird ja schnell bestätigt. Als wir allein waren, sprach er von einem großen Film, den er mit mir drehen möchte. Das sei ihm viel wichtiger als diese Halbzeit-Produktion. Und er möchte mir von diesem Film und dieser Rolle erzählen, und damit könne man jetzt doch schon anfangen, wir beide in einem Restaurant. Ich antwortete ihm, das klinge alles sehr schön, und sehr gerne sei ich dabei, ich hätte allerdings eine Bitte: Ob ich meinen Mann kurz anrufen könne, "der würde Sie so wahnsinnig gerne kennenlernen".

ZEIT: Ziemlich schlagfertig.

Berben: Die Botschaft ist bei ihm auch angekommen. Es gab kein Abendessen, er sagte nie wieder was von diesem Film. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Eine Woche später begannen wir zu drehen, und dann bekam ich die Quittung: Er machte mich fertig. Ich hatte in einer Szene nur ein Wort zu sagen, und zwar Hallo. Müsste eigentlich zu machen sein, dachte ich, aber Dieter Wedel ließ es mich immer und immer wiederholen, am Ende sicher mehr als dreißigmal. Mein Hallo gefiel ihm nicht. Und man muss sich das vorstellen: Dreharbeiten sind eine sehr sensible Angelegenheit. Auf einem Set, vor all den anderen – und du sagst immer wieder Hallo. Da schießen einem schon auch die Tränen in die Augen.

ZEIT: Wie ging das weiter?