© Jan Kruse für DIE ZEIT

Von Luther lernen: Wittenbergs Oberbürger- meister Torsten Zugehör hat gerade ein Luther-Jahr hinter sich. Hier seine Tipps:

Nicht nur den großen Mann glorifizieren

"Das mag jetzt paradox klingen, aber am besten feiert man einen großen Mann, indem man ihn nicht allzu sehr in den Mittelpunkt stellt. Wir haben in Wittenberg nicht nur Luther gehuldigt, sondern der ganzen Reformation. Es war wichtig, Luther nicht zu glorifizieren. Bei ihm ist vieles zusammengekommen. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er war extrem mutig, aber er hatte auch Glück, weil er immer die richtigen Leute um sich scharen konnte: Cranach mit seinen Connections, den Feingeist Melanchthon oder den cleveren Spalatin! Auch Marx war nicht ohne Helfer. Als er nach London ins Exil musste, hatte er viele Unterstützer. Wir tun immer so, als wäre Marx nur der Rächer der Armen – aber er war Sohn eines Anwalts, und sein Cousin war der Gründer des riesigen Elektrokonzerns Philips. Marx war getragen von vielen. Übrigens hatten er und Luther beide auch ihre finsteren Seiten, die darf man nicht ausblenden."

Nach Botschaften suchen

"Es ist wichtig, nach großen Linien, überwölbenden Botschaften zu suchen. Die Reformation hat ganz Europa verändert. Auch Marx stand für Utopien – die klassenlose Gesellschaft zum Beispiel. Die hätte vielleicht sogar Luther unterschrieben. Die beiden haben ja ohnehin manches gemeinsam: Beide waren nicht nur im Hier und Jetzt verhaftet. Beide ähnelten einander sogar von der Erscheinung her: das kraftvolle Äußere, die Durchsetzungskraft. Dieses Nichtzurückweichen bei Widerständen, beharrlich beim eigenen Standpunkt bleiben. Da gibt es enge Verbindungen."

Den Wert eines Festjahres schätzen

"Wittenberg hat einen unglaublichen Sommer erleben können. Da standen sich Leute auf der Konzertwiese gegenüber, die sich sonst nie treffen. Aber wir haben nicht nur gefeiert, sondern uns auseinandergesetzt, wir haben uns mordsmäßig gestritten in diesem Jahr. Das war extrem wichtig: Streitkultur wieder zu erlernen, eine Kultur der Sprache schätzen zu lernen. Dagegen hätte Marx sicher auch nichts."

Torsten Zugehör, 1972 in Wittenberg geboren, ist Jurist und Oberbürgermeister (parteilos) seiner Heimatstadt.

Diese Marx-Experten zieren jede Talkshow

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx, 64, ist mit Karl Marx nicht verwandt, heißt aber so. Das bringt Quote! Außerdem prophezeite Marx, also Reinhard, im vergangenen Jahr eine Rückkehr des Marxismus – weil viele Bürger vom Kapitalismus verbittert seien. Kardinal Marx, durchaus ein heiterer Geselle, hat selbst ein Buch namens Das Kapital geschrieben – Untertitel: "Ein Plädoyer für den Menschen". Er gilt als Kapitalismuskritiker. Und war vor seiner Münchner Zeit Bischof in Trier – Marx’ Geburtsstadt.

Gareth Stedman Jones, Professor für Ideengeschichte in London und Cambridge, hat die meistgelobte Biografie der jüngsten Zeit veröffentlicht: Weil er nicht der Versuchung erliegt, mit Marx gegenwärtige Krisen zu erklären – sondern weil er ihn als Figur seiner Zeit vorstellt, die Lösungen für Probleme des 19. Jahrhunderts suchte. Nicht für die Probleme von heute.

Sahra Wagenknecht ist natürlich Pflicht in jedem Marx-Talk. Denn dafür braucht man einen Linken, dem man – lustig, lustig – heute noch Marxismus vorwerfen kann. Allerdings eignet sich bei Weitem nicht jeder: Marx’ Schriften sind nichts für bequeme Leser, es braucht Eifer und intellektuelle Disziplin, um zum Marx-Kenner zu werden. Beides hat, in Reihen der Linken-Politiker, vor allem Sahra Wagenknecht. Im Alter von 18 Jahren wünschte sie sich – da war die DDR noch am Leben – von ihrer Mutter das Gesamtwerk von Karl Marx. Sie bekam es. Und las es, offenbar, sogar.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin. Studierte einst an der Leipziger Karl-Marx-Uni Physik. Und fürchtet sich vorm Leibhaftigen, also Marx persönlich: Sie warnte noch im Jahr 2013 die Grünen davor, in Thüringen den Linken Bodo Ramelow ins Amt des Ministerpräsidenten zu wählen. "Da soll jetzt der Karl Marx in die Staatskanzlei getragen werden. Das kann doch nicht sein", empörte sie sich. Ramelow konterte die christliche Kanzlerin knallhart – indem er erklärte, ihm sei Jesus wichtiger als Marx. "Im Christentum wohnt die Erkenntnis, dass es etwas gibt, was nicht vom Menschen beeinflusst ist", sagte Ramelow. "Das ist das Göttliche – am Ende kam auch Marx immer wieder an Punkte, die er nicht erklären konnte."

Wo Marx als Heiliger galt: Fragen an den Historiker Stefan Wolle vom Berliner DDR-Museum

Frage: Herr Wolle, wie ernst hat die DDR Karl Marx wirklich genommen?

Stefan Wolle: Karl Marx wurde mit heiligem Ernst behandelt. Er war omnipräsent. Auf Bildern, Plakaten, Briefmarken, mit Denkmalen. Er war der Übervater. Fast waren Marx, Engels und Lenin so etwas wie die Kirchenväter der DDR. Man bemühte sich, Marx zum Dogma zu erklären. An seinen Worten gab es nichts zu deuteln.

Frage: Wieso brauchte man so eine quasireligiöse Überhöhung?