1. Für die Macher von TV-Shows

Das könnten Themen für eine pfundige MDR-Doku sein!

– Jenny & Karl Marx: Eine Liebe zwischen Sozialismus und Seitensprung

– Die Marx-Millionen: Liegt das Bernsteinzimmer unterm Nischel?

– Kröten, Krisen, Kapital: Was Geldanleger von Karl Marx lernen können

– Ein Engels für Charlie: Wie Karl Marx und Friedrich Engels zusammen Weltgeschichte schrieben

Sie wollen Marx zur Weltlage befragen?

Wir haben einen echten Karl Marx in Apolda gefunden, er ist 81 Jahre alt

DIE ZEIT: Herr Marx, machen Ihnen die globalen Entwicklungen Sorgen?

Karl Marx: Ach, zurzeit sieht es doch ganz gut aus. Ich bin relativ entspannt, auch wenn es Krisenherde gibt. Ob sich in Deutschland die große Koalition wirklich zusammenfindet, dahinter würde ich noch ein Fragezeichen setzen. Sicher wäre ich mir nicht. Die Stimmung ist etwas duster deswegen. Man weiß nicht, wie unsere Politik sich entwickelt.

ZEIT: Dürfen wir fragen, was Karl Marx wählt?

Marx: Ich habe lange mit der SPD sympathisiert, vor allem, als sie den Kanzler stellte. Aber dann ist sie in sich zusammengefallen. Schade. In den Wahlkämpfen hat sie sich mit der CDU bekriegt, und hinterher hat sie mit ihr regiert. So wurde sie unglaubwürdig.

ZEIT: Was halten Sie davon, dass die FDP sich einer Koalition mit CDU und Grünen verweigerte?

Marx: Das fand ich bemerkenswert von Christian Lindner, dem FDP-Chef. Wahrscheinlich ist ihm seine eigene Ehre in den Verhandlungen zu kurz gekommen. Aber ich will auch nicht, dass der falsche Eindruck entsteht.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Marx: Ich bin Optimist. Hier soll keine Krisenstimmung aufkommen. Es geht dem ganzen Land so gut wie nie – jedenfalls soweit ich mich erinnern kann.

ZEIT: Wann sind Sie denn geboren?

Marx: Vor 81 Jahren im sogenannten Sudetenland, aber im Alter von neun Jahren musste ich mit meiner Familie nach Thüringen fliehen. Das waren schlechte Zeiten, vor allem von 1940 bis 1945. Auch die Fünfziger waren noch hart, meine Eltern konnten mir kaum Geld geben, ich machte meine Lehre zum Maschinenschlosser.

ZEIT: Wie empfanden Sie das Leben in der DDR?

Marx: Man hat schon mitgelebt. Ich weiß noch, ein paar Jahre vor dem Mauerbau arbeitete ich am Rennsteig in Thüringen, nah an der innerdeutschen Grenze. Einmal sagte ein Kollege zu mir: "Wollen wir rüber?" – "Drüben wird es nicht viel anders sein", habe ich ihm geantwortet. Also sind wir geblieben. Aber das habe ich manches Mal bereut. Ich hätte ein schöneres Leben haben können in der Bundesrepublik.

ZEIT: Das wäre ja was gewesen, Karl Marx flieht aus der DDR! Begegnete man Ihnen in der DDR mit Respekt, wegen Ihres Namens?

Marx: Nein, meine Eltern waren ja keine Kommunisten, die haben auch Das Kommunistische Manifest nie gelesen und sich insgesamt nicht für Politik interessiert. Ich merkte erst als Schuljunge, dass an meinem Namen etwas Besonderes sein muss, meine Mitschüler zogen mich nämlich deswegen auf.

ZEIT: Warum nannte Ihre Mutter Sie denn ausgerechnet Karl Marx?

Marx: Schon mein Vater hieß so. Es war eine Art Familientradition.

ZEIT: Nun haben Sie Sozialismus und Kapitalismus erlebt. Welches System gefällt Ihnen besser?

Marx: Der Kapitalismus, da geht es den meisten Leuten besser. Ich habe meine Arbeit gehabt bis zum 65. Lebensjahr, habe gut verdient, kriege eine angemessene Rente, werde in meinem Seniorenheim gut versorgt – alles in Ordnung.

Diese Marx-Experten sollte man unbedingt in seine Talkshow einladen:

Münchens Kardinal Reinhard Marx, 64, ist mit Karl Marx nicht verwandt, heißt aber so. Das bringt Quote! Außerdem prophezeite Marx, also Reinhard, im vergangenen Jahr eine Rückkehr des Marxismus – weil viele Bürger vom Kapitalismus verbittert seien. Kardinal Marx, durchaus ein heiterer Geselle, hat selbst ein Buch namens Das Kapital geschrieben – Untertitel: Ein Plädoyer für den Menschen. Er gilt als Kapitalismus-Kritiker. Und war vor seiner Münchner Zeit Bischof in Trier – Marx’ Geburtsstadt.

Gareth Stedman Jones, Professor für Ideengeschichte in London und Cambridge, hat die meistgelobte Biografie der jüngsten Zeit veröffentlicht: Weil er nicht der Versuchung erliegt, mit Marx gegenwärtige Krisen zu erklären – sondern weil er ihn als Mann seiner Zeit vorstellt, der Lösungen für Probleme des 19. Jahrhunderts suchte. Nicht für die Probleme von heute.

Sahra Wagenknecht ist natürlich Pflicht in jedem Marx-Talk. Denn es braucht doch eine Linke, der man, lustig-lustig, heute noch Marxismus vorwerfen kann. Allerdings eignet sich bei Weitem nicht jeder: Marx’ Schriften sind nichts für bequeme Leser, es braucht Eifer und intellektuelle Disziplin. Beides hat Sahra Wagenknecht. Im Alter von 18 Jahren wünschte sie sich von ihrer Mutter das Gesamtwerk von Karl Marx. Sie bekam es. Und las es, offenbar, sogar.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin. Studierte einst an der Leipziger Karl-Marx-Uni. Und fürchtet sich vorm Leibhaftigen, also Marx: Sie warnte 2013 die Grünen, in Thüringen den Linken Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten zu wählen. "Da soll jetzt der Karl Marx in die Staatskanzlei getragen werden. Das kann doch nicht sein", empörte sie sich. Ramelow konterte die christliche Kanzlerin knallhart – indem er später einmal erklärte, ihm sei Jesus wichtiger als Marx. "Im Christentum wohnt die Erkenntnis, dass es etwas gibt, was nicht vom Menschen beeinflusst ist", sagte er. "Da ist das Göttliche – am Ende kam auch Marx immer wieder an Punkte, die er nicht erklären konnte."

Wie feiert man Marx?

2. Für alle, die Partys planen

Diese Infos lassen Sie in jedem Small Talk glänzen. Einfach einflechten!

Die ersten tausend Exemplare von Marx’ wichtigstem Werk Das Kapital verkauften sich nur schleppend, sie waren erst nach fünf Jahren aufgebraucht. Heute steht das Buch auf der Unesco-Liste als "Weltdokumentenerbe".

Karl Marx konnte nicht mit Geld umgehen, sein Mitautor und Freund Friedrich Engels musste ihm immer wieder finanziell aushelfen.

Zur Gedenkfeier anlässlich von Marx’ 200. Geburtstag in Trier sind dessen Ururenkelinnen Frédérique und Anne Longuet-Marx angemeldet.

Karl Marx ist immer noch ein beliebter Name: Im Telefonbuch finden sich 120 Privatpersonen mit diesem Namen, gern auch in der Abwandlung Karl-Heinz Marx.

Marx kritisierte seine Kritiker oft derbe zurück. Einen nannte er "breitmäuligen Faselhans".

Eines von Marx’ berühmtesten Zitaten ist falsch. Er sagte nicht: "Religion ist Opium für das Volk." Er sagte: "Religion ist Opium des Volkes."

Eines von nur sechs handsignierten Exemplaren des ersten Kapital-Bandes steht zum Verkauf. Es soll 1,5 Millionen Euro kosten.

Wie feiert man Marx?

Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör hat gerade ein Luther-Jahr hinter sich. Das sind seine Tipps

1. Nicht nur den großen Mann glorifizieren

"Das mag jetzt paradox klingen, aber am besten feiert man einen großen Mann, indem man ihn nicht allzu sehr in den Mittelpunkt stellt. Wir haben in Wittenberg nicht nur Luther gehuldigt, sondern der ganzen Reformation. Es war wichtig, Luther nicht zu glorifizieren. Bei ihm ist vieles zusammengekommen. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er war extrem mutig, aber er hatte auch Glück, weil er immer die richtigen Leute um sich scharen konnte: Cranach mit seinen Connections, den Feingeist Melanchthon oder den cleveren Spalatin! Auch Marx war nicht ohne Helfer. Als er nach London ins Exil musste, hatte er viele Unterstützer. Wir tun immer so, als wäre Marx nur der Rächer der Armen gewesen – aber er war Sohn eines Anwalts, und sein Cousin war der Gründer des riesigen Elektro-Konzerns Philips. Marx war getragen von vielen. Übrigens hatten beide, Marx und Luther, auch ihre finsteren Seiten, die darf man nicht ausblenden."

2. Nach Botschaften suchen

"Es ist wichtig, nach großen Linien, überwölbenden Botschaften zu suchen. Die Reformation hat ganz Europa verändert. Auch Marx stand für Utopien – die klassenlose Gesellschaft zum Beispiel. Die hätte vielleicht sogar Luther unterschrieben. Die beiden haben ja ohnehin manches gemeinsam: Beide waren nicht nur im Hier und Jetzt verhaftet. Sie ähnelten einander sogar von der Erscheinung her: das kraftvolle Äußere, die Durchsetzungskraft. Dieses Nichtzurückweichen bei Widerständen, beharrlich beim eigenen Standpunkt bleiben. Da gibt es enge Verbindungen."

3. Den Wert eines Festjahres schätzen

"Wittenberg hat einen unglaublichen Sommer erleben können. Da standen sich Leute auf der Konzertwiese gegenüber, die sich sonst nie treffen. Aber wir haben nicht nur gefeiert, sondern uns auseinandergesetzt, wir haben uns mords-gestritten in diesem Jahr. Das war extrem wichtig: Streitkultur wieder zu erlernen, eine Kultur der Sprache schätzen zu lernen. Dagegen hätte Marx sicher auch nichts."

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– Für die Marx-Stätte: Die Marx-Büste Das Kapital aus Keramik kostet 14 Euro. Anders als der historische Marx ist die Büste hohl – und kann mit Geld haushalten: Sie ist als Spardose verwendbar.

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Opium fürs Bad : Die Seife "Opium" kostet 3,30 Euro, wird mit Marx beworben – sauber!

– So leicht konsumierbar war Marx noch nie: "Proletarier – Das Arbeiter-und-Bauern-Bier" mit Marx-Konterfei, in der Literflasche zu 9,99 Euro.

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Hier spricht sein Double

"Vor einigen Jahren verwandelte ich mich in Karl Marx. Ich ließ mir die Haare und den Bart länger wachsen, irgendwann sagte ein Freund zu mir: Weißt du, wem du ähnlich siehst? Ich wusste, wen er meinte: Karl Marx. Dann sagte der Freund noch etwas: Lass uns was draus machen! So fing alles an, so wurde ich zum Marx-Darsteller. Schließlich haben mein Freund und ich gemeinsam eine Stadtführung entwickelt, ich schlüpfte in die Rolle des Marx, er in die des Viktor Valdenaire, eines anderen Revolutionärs aus Trier. Wir wollten Marx von seinem Sockel holen, ihn als Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und auch mit Schwächen präsentieren. Den Leuten hat das gefallen. Inzwischen trete ich auch anderenorts als Karl Marx auf, zum Beispiel bei Veranstaltungen jetzt im Marx-Jahr. Dann schleiche ich mich dazu und mache eine kleine Show daraus. Mir geht es auch nicht darum, Geld zu verdienen. Ich bin pensionierter Lehrer, ich habe mein Auskommen und mache viele Auftritte sogar kostenfrei, weil es mir Spaß macht und ich hinter der Sache stehe. Seit meiner Studienzeit befasse ich mich mit Marx, ich bin ein Alt-68er."

Marx und Chemnitz

3. Für alle, die in Chemnitz leben

Wie fühlt man sich eigentlich als Nachbar des "Nischels"? Fragen an den Finanzbeamten Joachim Fladerer

DIE ZEIT: Herr Fladerer, Sie sind Referatsleiter in der Chemnitzer Außenstelle des Landesamts für Steuern und Finanzen. Sie arbeiten also in dem Gebäude, vor dem der Marx-Kopf steht. Haben Sie sich daran gewöhnt, jeden Tag an diesem kuriosen Monument vorbeizugehen?

Joachim Fladerer: Ich habe das noch nie als kurios empfunden! Der Marx ist doch schon viel länger da als ich. Ich komme aus der Oberpfalz, bin seit 1994 in Sachsen. Für mich war der "Nischel" nie ein Fremdkörper. Vielleicht sollten Sie eher mal den Marx fragen, ob er sich inzwischen an mich gewöhnt hat.

ZEIT: Finden Sie ihn ästhetisch gelungen?

Fladerer: Ich finde ihn schon interessant, weil er etwas Imposantes hat. Er ist sehr ausdrucksstark. Für mich ist das Kunst. Da ist erst mal egal, wer sie gemacht hat, wen sie darstellt. Ich sehe den Kopf gerne. Am Morgen, wenn ich komme, von vorne. Aber auch am Abend, von hinten.

ZEIT: Dann ist Feierabend! Wir finden das ja lustig: Der Marx vor der Finanzbehörde!

Fladerer: Ja? Als Finanzbeamter habe ich da keine besondere Assoziation. Marx war ein Philosoph. Wenn man sich mit Philosophie auseinandersetzt, wird man zum Denken angeregt. Insofern ist es nicht verkehrt, sich mit Marx auseinanderzusetzen. Ich habe versucht, Das Kapital zu lesen, aber das ist schwierig. Das kann man kaum schaffen.

ZEIT: Stören Sie manchmal die Schaulustigen, die um den Nischel herumschleichen?

Fladerer: Aber nein! Ich freue mich sogar, wenn es im Marx-Jahr noch ein paar mehr werden. Es ist immer was los. Der Nischel ist ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Im Sommer sind die Skater unterwegs. Und man kann täglich Touristen sehen. Manchmal, wenn man vorbeigeht, fragen die Herrschaften einen, ob man mal ein Foto von ihnen am Nischel machen könne.

Marx-Forscherin Beatrix Bouvier räumt mit drei Mythen auf

1. Mit Marx kann man heutige Krisen erklären?

"Marx war ein Philosoph seiner Zeit, des 19. Jahrhunderts. Damals gab es so gigantische Herausforderungen wie heute: die Art der Kommunikation änderte sich grundlegend, Millionen Menschen wurden zu Migranten. Aber dennoch sind Marx’ Theorien nicht geeignet, jedes Problem unserer Zeit zu durchdringen. Eher können wir uns von Marx’ Arbeitsweise – seinem unbedingten Drang, alles verstehen zu wollen – für heute etwas abschauen."

2. Marx war ein absoluter Familienmensch?

"Marx habe, heißt es oft, seinen Vater so sehr geliebt, dass er immer eine Fotografie von ihm bei sich trug; er mit diesem Foto gar beerdigt wurde. Das kann nicht der Wahrheit entsprechen, weil es zu den Lebzeiten von Marx’ Vater noch gar keine Fotografie gab. Dennoch versuchten wohl Marx’ Nachfahren, diesen Mythos zu verbreiten, um ihn als Familienmenschen darzustellen."

3. Marx war authentisch, das beweist sein Bart?

"Marx stand für perfektes Marketing. Wir wissen nicht, wie er in frühen Jahren aussah. Es gibt kein einziges Bild von ihm als jungem Mann. Das liegt auch daran, dass Marx’ Familie und ebenso Friedrich Engels zu kontrollieren versuchten, welche Aufnahme von ihm öffentlich verbreitet wurde."

Warum stört es Chemnitz eigentlich nicht, dass Marx nie in der Stadt war?

Fragen an Wolfgang Uhlmann, 79, Vorsitzender des Chemnitzer Geschichtsvereins

DIE ZEIT: Herr Uhlmann, zu DDR-Zeiten hieß Chemnitz Karl-Marx-Stadt. Und trotzdem interessierte es keinen, dass Marx nie hier war.

Wolfgang Uhlmann: Na ja. Das war so: Eigentlich war der Name Karl-Marx-Stadt für Eisenhüttenstadt vorgesehen. Chemnitz sollte Chemnitz bleiben. Aber dann starb Stalin, und irgendwie wollte die DDR-Führung darauf reagieren. Also wurde Eisenhüttenstadt zu Stalinstadt ...

ZEIT: ... und Marx anderweitig vergeben. Welche Rolle spielt Marx für Chemnitz heute – ist der Name ein Marketing-Gag oder etwas, an dem man sich immer noch reibt?

Uhlmann: Er gehört eben dazu. Vor einigen Jahren sollte das Marx-Monument in Chemnitz, der Nischel, vorübergehend nach Münster gebracht werden und dort in einer Kunstausstellung zu sehen sein. Meiner Ansicht nach waren davon viele Chemnitzer nicht begeistert. Das Projekt scheiterte am Ende aber ohnehin an technischen Schwierigkeiten.

ZEIT: Sie waren zu DDR-Zeiten Lehrer, haben Marxismus-Leninismus unterrichtet, das der Indoktrination dienen sollte. Bereuen Sie das heute?

Uhlmann: Wissen Sie, ich werde oft zu Klassentreffen eingeladen. Die meisten Schüler sind mir nicht gram. Ansonsten, was soll ich sagen? Ich war eben davon überzeugt, wie so viele damals.

Was bedeutete Marx der DDR?

4. Für alle, die es ernst meinen

Was bedeutete Marx der DDR? Fragen an den Historiker Stefan Wolle vom Berliner DDR-Museum

DIE ZEIT: Herr Wolle, wie ernst hat die DDR Karl Marx wirklich genommen?

Stefan Wolle: Karl Marx wurde mit heiligem Ernst behandelt. Er war omnipräsent. Auf Bildern, Plakaten, Briefmarken, Denkmalen. Er war der Übervater. Fast waren Marx, Engels und Lenin so etwas wie die Kirchenväter der DDR. Man bemühte sich, Marx zum Dogma zu erklären. An seinen Worten gab es nichts zu deuteln.

ZEIT: Wieso brauchte man so eine Überhöhung?

Wolle: Der ganze Sozialismus war eine Schriftreligion, beinahe in der Nachfolge von Islam und Christentum. Er baute seine Herrschaft auf das Wort, in dem Fall nicht auf das der Bibel, sondern der Klassiker Marx, Engels, Lenin. Denn durch brutale Gewalt allein kann man Macht nicht auf Dauer erhalten. Es bedarf des ideologischen Weihrauchs, wie bei der Kirche im Mittelalter.

ZEIT: Nicht jeder Ostbürger wurde Marxist.

Wolle: Erstaunlicherweise nicht. Marxismus-Leninismus war schon in der Schule Pflicht, in der Hochschule wurde erst recht Marx gepredigt, "ML" war obligatorisch, ob man Zahnmedizin studierte oder Theologie. Aber Marx diente vielen auch für ihren Widerstand. Er selbst verband einst ja eine wissenschaftliche Analyse des Kapitalismus mit einer darauf aufbauenden Heilslehre, an deren Ende das Paradies steht, der Kommunismus. Aber eine genaue Staatsorganisation hat er nie beschrieben, und der Nukleus der Marxschen Lehre ist die Lehre der Befreiung des Menschen aus den materiellen Zwängen. Nun steht da ein DDR-Bürger vor der Mauer und argumentiert mit Marx: Das ist ja eine schöne Befreiung!

ZEIT: Also hat sich die DDR aus Marx immer nur das herausgesucht, was ihr passte?

Wolle: Ja, unterm Strich beschränkte sich das Studium der Klassiker auf einen engen Kanon. Für die Dogmatiker der DDR war es gefährlich, wenn die Leute weitergelesen haben, als sie sollten! Also angenommen: Im ML-Seminar war vorgesehen, Das Kapital zu lesen, und zwar Seite 531 bis 534. Dann haben die Skeptiker oft weitergelesen und nach Widersprüchen gesucht, nach dem echten, wahren Karl Marx, den man argumentativ in Stellung bringen konnte. Das war dieselbe Grundkonstellation wie bei den Ketzern im Mittelalter. Luther kam ja auch mit dem Evangelium in der Hand daher und sagte: Was ist aus dieser Kirche geworden? Es war das Grundmuster des Ketzertums, sich ständig auf die Heilige Schrift zu berufen, um damit die Papstkirche zu kritisieren. So lief das in der DDR auch.

ZEIT: Wie steht der Osten heute zu Marx?

Wolle: Das ist besonders interessant. Es passierte nach 1989 etwas Verrücktes: Die Leute, die man jahrzehntelang mit Marx vollgesabbert hat, haben sich einmal geschüttelt – und dann war das alles weg! Selbst für Leute, die bis heute treu zur Linken stehen, hat die Ideologie unterm Strich eine erstaunlich geringe Rolle gespielt. Die Erinnerung reduziert sich auf die Köpfe im wörtlichen Sinne, auf die Büsten von Marx, Engels und Lenin. Aber selbst die Ostalgiker sagen: Das war so ideologisches Gerede, das hat keiner ernst genommen. Das ist erstaunlich: Obwohl die DDR insgesamt viele, tiefe Spuren hinterlassen hat in den Menschen, ist der ideologische, quasireligiöse Überbau schnell zusammengebrochen. Jahrzehntelange Marxismusschulungen sind offenbar zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Das tut mir dann, bei aller Opposition, fast auch schon wieder leid, denn Marx und Engels waren doch interessante Kapitel der deutschen Geistesgeschichte.