Jahrzehntelang galt die Landwirtschaft als Thema für hermetische Zirkel: Auf der einen Seite machten der Bauernverband, die Industrien des Agrobusiness und mächtige Handelsgenossenschaften die Politik weitgehend unter sich aus. Auf der anderen Seite standen ihnen Umweltorganisationen gegenüber, die gegen Gentechnik (mit Erfolg) kämpften und gegen Massentierhaltung (mit weniger Erfolg).

Inzwischen hat auch der Normalbürger verstanden: Die Landwirtschaft ist mehr als nur irgendein Wirtschaftssektor, sie ist ein zentraler Überlebensfaktor. Was Landwirte tun, beeinflusst Wasser, Klima, Boden, Gesundheit, Wirtschaft und Kultur – und geht damit uns alle an. Zugleich wird die Landwirtschaft von unser aller Vorstellungen geprägt. Das zeigt sich nicht nur in Protesten gegen Glyphosat und Bienensterben oder in den Kundgebungen zur Grünen Woche in Berlin, sondern auch in einer neuen bürgerlichen Agrarbewegung, die urbane Gärten anlegt und in den Städten "Ernährungsräte" gründet. Eine "solidarische Landwirtschaft" soll Konsumenten und Bauern näher zusammenbringen und so die klaffende Erkenntnis- und Erfahrungslücke zwischen Hofalltag und Supermarktregal schließen.

Der wachsende Druck erzeugt aber auch in der Branche geradezu tektonische Umbrüche. Er zwingt etablierte Unternehmen zu neuen Strategien und bringt neue Akteure aufs Feld. Eine kleine Auswahl:

• Der Wiesenhof-Konzern PHW zum Beispiel liefert jährlich 700.000 Tonnen Geflügelprodukte in die deutschen Supermärkte. Nun investiert der deutsche Marktführer in die israelische Firma Supermeat. Das Start-up soll Muskelfasern im Labor wachsen lassen und in drei Jahren erste Restaurants mit Geflügelfleisch aus der Retorte beliefern.

• Mark Korzilius, Mitgründer der Restaurantkette Vapiano, produziert mit seinem Start-up Farmers Cut in einer alten Hamburger Großmarkthalle auf 1300 Quadratmetern Salat und Kräuter. Eines der Vorbilder steht in Japan: Die größte Indoor-Farm liefert dort 12.000 Salatköpfe pro Tag. Konzerne wie Panasonic, Toshiba oder Fujitsu investieren in das neue Geschäft.

• Xarvio, eine Digitaltochter des Chemie-Riesen Bayer, soll mit Big Data und Service-Apps die Landwirte beim Pflanzenschutz beraten und so den Einsatz von Agrarchemikalien reduzieren. Bayer ist dabei nicht allein. Alle großen Agrarunternehmen steigen mit viel Geld ins Daten- und Digitalgeschäft ein.

Die Agrarchemie steht vor einer gewaltigen Wende: Nicht nur der Einsatz von Glyphosat wird in der EU diskutiert, sondern auch ein mögliches Aus für Neonicotinoide. Die Wirkstoffe stehen im Verdacht, Bienen zu schaden. Große Unternehmen der Agrartechnik stellen sich bereits auf eine Zeit mit deutlich weniger Chemie ein. Firmen wie Fendt, Claas oder Amazone setzen auf Robotik, Sensorik oder intelligente Mechanisierung. Alternativen zur Chemie sind dringend gesucht. In Deutschland scheint das Schicksal von Glyphosat besiegelt, sollten die Willensbekundungen im Sondierungspapier von Union und SPD politische Realität werden. Ziel: "die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden".