DIE ZEIT: Herr Grethe, die Landwirtschaft steht im Kreuzfeuer, Themen wie Glyphosat, Insektensterben und Massentierhaltung bewegen viele Menschen. Am Wochenende soll – parallel zur Agrarministerkonferenz – eine große Demonstration für die "Agrarwende" in Berlin stattfinden. Aber in Brüssel, wo dafür entscheidende Weichen gestellt werden müssten, scheint man sich in einem undurchdringlichen Dschungel aus EU-Regeln und Expertenjargon verheddert zu haben. Wie könnte man da herauskommen?

Harald Grethe: Die Frage ist doch: Warum ist dieses Regelwerk so sperrig? Alle Steuerungssysteme werden komplexer, wenn man an ihren Fehlern herumdoktert und nicht den Mut zu grundsätzlichen Reformen aufbringt. Den bräuchte es aber heute.

ZEIT: Ist die Agrarpolitik der Europäischen Union im Grundsatz verfehlt?

Grethe: Historisch ist es eine enorme Leistung, einen gemeinsamen Markt für mittlerweile 28 Mitgliedsstaaten mit derart unterschiedlichen Voraussetzungen und Kulturen zu schaffen. Gemeinsam haben die EU-Staaten der Landwirtschaft einen identitätsstiftenden Wert zugeschrieben, sie für die Weltmärkte gewappnet und Bauern im Übergang dafür kompensiert, dass staatlich gestützte Preise sanken. Das ist eine große Erfolgsgeschichte. Aber seit einem Jahrzehnt herrscht Stagnation. Die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union, kurz GAP, wird den heutigen Herausforderungen nicht gerecht.

ZEIT: Als die europäische Agrarpolitik 2014 zuletzt überarbeitet wurde, sollte sie höhere Ansprüche im Umweltschutz erfüllen. Hat das denn nicht funktioniert?

Grethe: Nicht wirklich. Die Antwort war das Greening, eine Art Scheinökologisierung der Subventionen. Sie brachte keine Verbesserung, sondern vor allem neue Regelungen.

ZEIT: Nun wird über die Subventionen erneut hitzig diskutiert. Viele Wissenschaftler und Politiker halten die hohen Agrarausgaben für überholt und fordern, die EU solle statt in die Landwirtschaft lieber mehr in eine gemeinsame Außen- und Flüchtlingspolitik investieren oder die Digitalisierung fördern. Sehen Sie das auch so? Soll man die Zuschüsse für die Bauern kräftig streichen?

Grethe: Die derzeitigen Direktzahlungen an die Bauern sind in der Tat ein Anachronismus. Sie unterliegen keinen vernünftigen Kriterien, und sie sind ungerecht, weil sie einfach pro Hektar bezahlt werden. Weder orientieren sie sich an der Bedürftigkeit eines Betriebs noch an seinen Leistungen. Als Ausgleich für Politikänderungen vor 26 Jahren wirft die EU einfach im Durchschnitt jedes Jahr 300 Euro auf jeden Hektar, egal, was Landwirte dort machen! Selbst wer nur einmal im Jahr mit dem Traktor über seinen Acker fährt, bekommt Subventionen. Da wird Steuergeld aus dem Fenster geworfen. Diese Verschwendung ist ein Skandal.

ZEIT: Also streichen?

Grethe: Nein. Wir haben in der Landwirtschaft enorme Probleme! Um sie bewältigen zu können, benötigen wir auch öffentliche Mittel.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Grethe: Wir haben große Probleme mit den Nährstoffüberschüssen aus der Tierhaltung und mit dem Verlust an Artenvielfalt. Wir brauchen mehr Tierschutz und mehr Klimaschutz. Deshalb müssen wir Biotope vernetzen, ökologische Vorrangflächen kultivieren, Moore wieder vernässen und vieles mehr. Bei alldem heißt es immer: Uns fehlt Geld. Dabei ist genug da, wir müssten es nur sinnvoll einsetzen.

ZEIT: Könnte man solche Ziele nicht ebenso durch Verbote und Vorschriften erreichen?

Grethe: Nur teilweise. Auf offenen Märkten, wie wir sie haben, würde die Produktion leicht in andere Länder ausgelagert. Man muss anders denken: Durch Umwelt- und Tierschutz schaffen die Landwirte öffentliche Güter, die sie nicht über den Markt entlohnt bekommen. Deshalb brauchen sie dafür andere Einnahmequellen.

ZEIT: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Grethe: Nehmen Sie das Kürzen der Ringelschwänze von Schweinen. Dass sich die Tiere in der Enge veralteter Ställe gegenseitig blutig beißen, wenn die Schwänze nicht gekürzt werden, macht ja schon lange Schlagzeilen. Wollte man dieses Problem tiergerecht lösen, würden die Produktionskosten um 30 bis 40 Prozent steigen.