Morgens in der vollen U-Bahn Richtung City. Jeder Platz ist besetzt, aber es könnte trotzdem so schön sein, schließlich ist kein Lauttelefonierer da, kein Döneresser – wenn nur dieser Mann nicht wäre. Irgendetwas scheint ihn zu zwingen, seine Beine auseinanderzuklappen wie eine offene Schere. Eigentlich müsste er mindestens drei Plätze in Anspruch nehmen; hilfsweise drückt er die Frau neben sich fast vom Sitz. Dass er so flirten will, ist eher unwahrscheinlich, er ist in sein Smartphone vertieft. Und als die Sitznachbarin, die kaum noch zur Hälfte auf ihrem Platz sitzt, ihn fragt, ob er seine Beine denn nicht etwas mehr ins Zentrum bewegen könne, grunzt er nur kurz: "Nein, das geht nicht." Geht’s noch?

Das Phänomen ist nicht hamburgspezifisch: In New York gibt es für das offenbar durchweg männliche Sich-Ausbreiten auf Kosten anderer längst einen Namen: Manspreading; in den U-Bahn-Zügen hängen Schilder: "Dude, stop the spread please" – "Kumpel, bitte hör auf, dich auszubreiten". Dabei sollte es Männern – es sei denn, sie leiden tatsächlich an behandlungsbedürftigem Beineausklappzwang – doch nicht schwerfallen, ihre Ansprüche zumindest für die Dauer einer U-Bahn-Fahrt auf eine Sitzbreite zu beschränken.

Allerdings, sagt der Körpersprache-Experte Stefan Verra, kommt das evolutionäre Erbe bei vielen so selbstverständlich durch, dass sie nicht nachdenken, was da bei ihnen abläuft. Der Mann erhebt nämlich nicht nur Anspruch auf möglichst viel Territorium, sondern präsentiert auch sein Sexualorgan; ein Signal, das sich nach Verra etwa so umschreiben lässt: "Ich nehme viele Ressourcen in Anspruch, also bin ich ein guter und verlässlicher Reproduktionspartner."

Natürlich ist das den wenigsten Männern bewusst, sonst wäre in den meisten Bars kaum noch Platz vor auseinanderklaffenden Männerschenkeln. Und gegen das Gespreize mancher Herren, die nicht mal auf Ansprache reagieren, würde selbst ein Schild à la New York nur helfen, wenn darauf ein saftiges Bußgeld angedroht würde. Trotzdem sollte sich auch frau klarmachen, mit welcher Art von Körpersprache sie reagiert. Schlägt sie wortlos empört die Beine übereinander, heißt das laut Verra: "Ich mache mich klein – und überlasse ihm das Territorium."