ZEIT: Hat man das in Deutschland bisher verschlafen? Hier sind gerade mal 23 Prozent der Professuren mit Frauen besetzt.

Friederici: Das kann man laut sagen. Vor allem die USA haben in den vergangenen Jahrzehnten viele gute Leute rekrutiert, weil diese Themen dort längst selbstverständlich waren. Wir halten erst seit Kurzem aktiv nach Frauen Ausschau, und es ist gar nicht so leicht. Manchmal hat man jemanden im Blick, manchmal nicht. Dann fragt man unter Kollegen herum – und die schlagen wieder lauter Männer vor, weil auf den wichtigen Konferenzen immer nur Männer die Keynote-Vorträge halten. Bei Max Planck sind deshalb jetzt alle angehalten, die Keynotes 50/50 zu verteilen. Und noch etwas haben wir eingeführt: Man muss nicht darauf warten, aus seinem Netzwerk für einen Direktorenposten vorgeschlagen zu werden, sondern kann sich selbst für eine Position nominieren. Das ist allerdings ernüchternd. Es bewerben sich fast keine Frauen. Da fragt man sich dann schon ...

ZEIT: ... woran liegt’s?

Friederici: Ja, woran liegt das? Die Selbsteinschätzung von Frauen ist oft anders als bei Männern, ich finde das frappierend! Da kommt eine Frau zu mir, die promovieren will, und ich frage sie: Was wollen Sie damit werden? Und sie antwortet: Ich mach jetzt erst mal meine Dissertation. Ein Mann antwortet eher: Ich werde Professor.

ZEIT: Haben Sie selbst mal unangenehme Situationen erlebt, sich benachteiligt gefühlt? 

"Wir Frauen haben alle unsere Geschichten erlebt."

Friederici: Dazu könnte ich Ihnen ein abendfüllendes Programm bieten. Wie jede Frau, wir haben alle unsere Geschichten erlebt. Als ich 1994 Max-Planck-Direktorin wurde, gab es noch zwei weitere Frauen – und 248 Direktoren. Da muss man sich schon durchsetzen.

ZEIT: Ihr neues Förderformat für Wissenschaftlerinnen wurde nach Lise Meitner benannt. Sie war eine große Forscherin, saß im Vorstand des Deutschen Akademikerinnenbundes. Braucht es solche Heroinnen?

Friederici: Lise Meitner war zu ihrer Zeit schon so weit aufgestiegen, wie es damals ging. Aber den Nobelpreis hat Otto Hahn bekommen – er hat in seinem Labor etwas beobachtet, Meitner darüber einen Brief geschrieben und gefragt: Was hältst du davon? Die wissenschaftliche Erklärung für das Beobachtete kam von ihr. Wer weiß, was damals im Nobelpreiskomitee abging, dass man ihr die Auszeichnung nicht geben wollte. Das finde ich bis heute unerklärlich. Lise Meitner war eine Vorreiterin. Ihr Name steht heute ohne Zweifel für exzellente Frauen in der Wissenschaft.