Die Sonne hängt als großer Feuerball am Himmel, keine schützende Atmosphäre hält ihre zerstörerische UV-Strahlung ab. Meteoriten und Kometen schlagen ungebremst auf das felsige Kratergelände. In der Nacht wird es weit kälter als am kältesten Punkt der Antarktis, tags erreicht der Boden die Temperatur eines Pizzaofens. Abkühlung ist fern, denn für eine Drehung um die eigene Achse benötigt er zwei Merkur-Jahre.

Merkur, der kleinste und innerste Planet unseres Sonnensystems, ist ein extrem lebensfeindlicher Ort. Dass dort jemals etwas gekreucht oder gefleucht sein könnte, auf diese Idee kommt noch nicht einmal die PR-Abteilung der europäischen Weltraumagentur Esa, die interplanetare Forschung ansonsten stets mit dem Verweis auf die Suche nach dem Ursprung des Lebens anpreist.

Trotzdem ist der Merkur jetzt Ziel der teuersten und kompliziertesten Mission, die die Esa je geplant hat. Nach mehr als 20 Jahren Vorlauf ist die Sonde BepiColombo, benannt nach einem italienischen Mathematiker, fast startbereit. Im Oktober 2018 soll es losgehen, die berechnete Ankunftszeit ist, gute sieben Jahre später, der 5. Dezember 2025.

Eigentlich ist es gar nicht so weit zum Merkur, unsere Nachbarplaneten Mars und Venus sind oft weiter entfernt. Doch die Flugroute ist mit fast neun Milliarden Kilometern hundertmal länger als der direkte Weg. Mehrmals muss BepiColombo an der Erde, der Venus und dem Merkur Schwung holen, um der gewaltigen Anziehungskraft der Sonne zu entkommen und auf eine sichere Umlaufbahn um den kleinsten Planeten einschwenken zu können. Dabei wird das Raumschiff mehr Energie verbrauchen, als für eine Reise zum Pluto am anderen Ende des Sonnensystems nötig wäre. 1,4 Tonnen Treibstoff hat BepiColombo an Bord, davon 580 Kilo des seltenen Edelgases Xenon für den elektrischen Ionenantrieb. Das ist mehr Xenon, als in einem Jahr auf der ganzen Erde produziert wird.

Die schwierige Anreise ist einer der Gründe dafür, dass der Merkur bisher erst zweimal irdischen Besuch erhielt. Mitte der 1970er Jahre war die amerikanische Mariner-10-Sonde dreimal in seiner Nähe vorbeigeflogen und hatte Nahaufnahmen zur Erde gefunkt. 35 Jahre später folgte die zweite Annäherung; die amerikanische Messenger-Sonde ließ sich von Merkurs Schwerkraft einfangen und begleitete den Planeten vier Jahre lang auf einer elliptischen Umlaufbahn in 200 bis 15.000 Kilometer Höhe.

Damit ist die Nasa den Europäern zuvorgekommen. Eigentlich sollte BepiColombo schon vor mehr als zehn Jahren starten, jetzt sind viele der ursprünglichen Forschungsfragen bereits beantwortet: Messenger konnte aus 250.000 Fotos und 35 Millionen Laserpulsen eine dreidimensionale Karte der Planetenoberfläche erstellen, Tektonik und Vulkanismus in früheren Zeiten nachweisen, Merkurs merkwürdig verschobenes Magnetfeld vermessen, die Leichtmetalle Natrium, Kalium, Kalzium und Magnesium in seiner hauchdünnen Exosphäre aufspüren und starke Indizien dafür entdecken, dass es im ewigen Schatten tiefer Nordpol-Krater Wassereis gibt.

BepiColombo darf den übrigen Fragen nachgehen. Die Sonde wird dem von Messenger vernachlässigten Südpol Aufmerksamkeit schenken, mit ihren besseren Instrumenten detailliertere Karten erstellen und die Wechselwirkung des Magnetfelds mit dem Sonnenwind untersuchen. Dafür hat sie einen zweiten, von der japanischen Raumfahrtagentur Jaxa entwickelten kleinen Orbiter an Bord, der nach der Ankunft am Merkur auf eine getrennte, weiter entfernte Umlaufbahn ausgesetzt werden soll.