Die Soziologie gewinnt, nach einer langen Phase der Stagnation und Hyperspezialisierung, gesellschaftliche Bedeutung zurück, und endlich trauen sich einige Vertreterinnen und Vertreter des Faches auch wieder, die Gegenwartsgesellschaft zu beschreiben, zu verstehen, zu kritisieren. Man muss das hervorheben, denn nach 1989, und das liegt inzwischen eine Generation zurück, hatte sich das Fach fast komplett in die Esoterik disziplinärer Spezial- und Kleinstphänomene oder in die Ödnis sturzlangweiliger statistischer Exerzitien zurückgezogen, die sich dann vornehm "Strukturanalysen" oder so nannten. Verwunderlich war dieser Rückzug nicht, denn die prognostische Impotenz des Faches, vor allem linker Ausprägung, hatte sich ja mit dem Mauerfall in aller Deutlichkeit erwiesen.

Eine Generation später hat sich die Beleidigtheit über das eigene Unvermögen zugunsten eines neuen Mutes zur Gegenwartsanalyse verflüchtigt, und es ist gerade in Zeiten beschleunigten Wandels mit unguten Aussichten wohltuend, dass von Heinz Bude, Eva Illouz, Stephan Lessenich, Hartmut Rosa, um nur einige zu nennen, die Einmischung in das, was gesellschaftlich verhandelt wird, wieder fruchtbar betrieben wird. Damit kehrt die Soziologie an ihre Anfänge zurück: nämlich dorthin, wo die Unwahrscheinlichkeit gesellschaftlicher Ordnung ihre Ausgangsfrage bildete und multiple Wirklichkeiten entschlüsselt wurden.

Denn exakt beim Zusammenkommen und -leben von Menschen mit unterschiedlichsten Traditionen, Religionen, Sprachen, Gewohnheiten setzte um die vorvergangene Jahrhundertwende eine Tradition der soziologischen Beschreibung und Analyse an – vor allem am Phänomen der extrem schnell wachsenden nordamerikanischen Städte mit ihren völlig inhomogenen Bevölkerungen. Zwei der zentralen Befunde jener natural sociology der amerikanischen Gründungsphase sind heute aktueller denn je: dass Menschen in unterschiedlichen Wirklichkeiten leben und nicht in einer objektiv gegebenen. Und dass man diese Wirklichkeiten verstehen muss, um zu verstehen, warum diese Menschen tun, was sie tun.

Genau hier setzt das erstaunliche Buch Gesellschaften in Israel an, das der in Tel Aviv lehrende Soziologe Natan Sznaider verfasst hat. Unbekümmert um ausführliche Nachweise und Theoriebezüge beschreibt er soziale Phänomene in der vielleicht unwahrscheinlichsten Gesellschaft der Gegenwart: "Für einen Staat fehlen Israel ganz entscheidende Merkmale, andere sind uneindeutig. Noch gibt es keine endgültigen Grenzen. Das Land kämpft noch immer um seine Unabhängigkeit, und es ist Besatzungsmacht. Israel ist demokratisch und doch keine liberale Demokratie. Seine Hauptstadt Jerusalem ist de facto geteilt, und ständig wird um die Heiligkeit dieser Stadt gekämpft. Seine Lage zwischen Europa, Asien und Afrika ist nicht nur geografisch bedingt, denn Israel liegt auch politisch und kulturell inner- und außerhalb Europas, Asiens und Afrikas."

Dieses Israel ist zugleich postindustrielle Hightech-Dienstleistungsgesellschaft und archaisch religiös, ultrarechts, ultraorthodox, schwul-lesbisch, chronisch kriegsbereit, von Terror zermürbt und paranoid, heilig und säkular, zionistisch, jung, alt, arabisch, russisch, holocaustzentriert und was noch alles. Aber: Genauso wie überall sonst auf der Welt wollen die meisten Menschen "ein kleines, nichtheroisches und ideologiefreies Leben führen, ihre Kinder in die Schule schicken, Urlaub machen, einen neuen Fernseher kaufen, einen Kaffee trinken gehen und den nächsten Tag überleben." So beginnt das Buch.

Es arbeitet sich durch zehn "Bilder", wie der Autor sagt, zehn unterschiedliche Geschehenszusammenhänge, die jeder für sich interessant und verblüffend, in der Gesamtschau aber deswegen so eindrücklich sind, weil hier Kulturereignisse mit Terroranschlägen, Filme und ihre Akteure mit Geschichte, Soziogramme mit Tagesgeschehen zusammengesehen und verstehbar gemacht werden. So legt Sznaider am Beispiel der queeren Dana International, die 1998 den Eurovision Song Contest gewann, die für eine ethnisch-religiöse Gesellschaft sehr erstaunliche Toleranzkultur dar, die etwa bis tief in die Kultur der israelischen Armee reicht. Oder er zeigt anhand eines klassischen Films von Ephraim Kishon, wie Stereotype von orientalischen versus askenasischen Juden zugleich erfunden, etabliert und ironisiert werden.

In der Fülle und im Detailreichtum der zehn "Bilder", die in der Gesamtschau ein einziges tatsachengesättigtes Wimmelbild ergeben, wird klar, dass der viel bemühte Begriff der "Identität" wenig hilft, wenn man eine solche Gesellschaft zu verstehen versucht. Sondern es ist vielmehr der Prozess der Identitätsbildungen in einer multiplen Gegenwart, der diese Gesellschaft ausmacht, in ihren Konflikten, Reibungen und Widersprüchlichkeiten, in ihrer Freiheit und ihrer Gewalt. Dass Sznaider dabei soziale und ethnische Ungleichheit, kulturelle Souveränität und religiösen Wahnsinn, profansten Alltag und brutalsten Extremismus in einer Erzählung verwebt, die dem Außenstehenden vieles an diesem unplausiblen Land plausibel macht, ist faszinierend.

So liest man sich erstaunt und amüsiert, erschrocken und kopfschüttelnd, irritiert und aufgeklärt durch die essayistisch geschriebenen Kapitel und lernt viel. Man wird nach der Lektüre nicht in der Lage sein, ein geschlossenes Bild von Israel wiederzugeben, und exakt darum geht es ja: dass es diese Geschlossenheit nicht gibt. "Dass ein Zusammentreffen so unterschiedlicher Menschen nicht gut gehen kann", schreibt Sznaider, "ist nicht überraschend. Das soziologisch Überraschende ist eher, dass es so gut gegangen ist, wie es ging."

Dabei bleibt auch immer das Prekäre, die Möglichkeit des Scheiterns dieser Gesellschaft präsent, natürlich auch die permanente Anwesenheit von latenter oder manifester Gewalt. Und dabei muss man eine Tatsache immer als Subtext mitlesen: "Dass Juden hier in diesem Land leben, dass Juden vielleicht überhaupt leben, ist nicht einfach eine gegebene Tatsache."

Natan Sznaider: Gesellschaften in Israel. Eine Einführung in zehn Bildern; Suhrkamp, Berlin 2017; 318 S., 28,– €, E-Book 23,99 €