Donald Trump hat die US-Sanktionen gegen den Iran weiter ausgesetzt, wie es dem Atomabkommen entspricht. So weit die gute Nachricht. Die schlechte: Er hat ein Verfallsdatum drangehängt. Schon im Mai sollen alle Sanktionen gegen den Iran wieder in Kraft gesetzt werden, wenn Teheran bis dahin nicht einer Verschärfung des Atomdeals zugestimmt hat. Anders gesagt: "Entweder ihr verändert das Abkommen mit mir – oder ich zerstöre es."

Ist das Nuklearabkommen noch zu retten? Das hängt auch davon ab, wie die anderen Vertragsparteien – der Iran voran, aber auch die Europäer – auf Trumps Ultimatum reagieren.

Der US-Präsident zielt auf die Kompromisse des Nuklearvertrags. Einer davon ist, dass der Iran nach Ablauf einer Frist von zehn Jahren wieder Uran in größeren Mengen anreichern darf. Trump will die "schrecklichen Fehler" nachbessern. Er drängt die Europäer, die Gangart gegen den Iran zu verschärfen, wenn die Teheraner Führung sich nicht auf Änderungen einlässt. Die aber scheint nicht dazu bereit zu sein. Präsident Hassan Ruhani pocht auf den unterschriebenen Vertrag und die entsprechende Resolution des UN-Sicherheitsrats.

Um das Abkommen zu torpedieren, fügt Trump nun neue Forderungen hinzu. Der Iran solle für alle Zeiten darauf verzichten, sein Nuklearprogramm auch unterhalb der Schwelle der Waffenfähigkeit auszuweiten, und er solle internationalen Inspekteuren immer und überall Zugang zu seinen Anlagen gewähren. Er solle sein ballistisches Raketenprogramm und seine Expansion in der Region beenden. Manchen Forderungen würden auch die Europäer zustimmen. Nur gehen sie über das Abkommen hinaus oder haben gar nichts damit zu tun.

Fragt man die IAEA, die Internationale Atombehörde in Wien, ob der Iran das Abkommen erfülle, so hört man immer wieder: Teheran halte alle Auflagen ein. Was der Iran sonst noch in der Region mache, mag besorgniserregend sein, betreffe aber nicht das Abkommen.

Worum geht es dabei? Erstens baut der Iran seit vielen Jahren sein militärisches Raketenprogramm aus. Vor Jahrzehnten arbeitete Teheran nur mit einer iranischen Variante der sowjetischen Scud-Rakete, heute lässt das Regime ballistische Raketen mit großen Reichweiten erproben. Jeder Raketentest wird von den iranischen Staatsmedien frenetisch gefeiert, während er im Westen Empörung auslöst. Der Iran kann mit seinen Raketen heute schon Israel, die arabischen Staaten bis Ägypten und Südosteuropa erreichen. Seine Ingenieure arbeiten an mehr Reichweite und Präzision.

Zweitens rollen iranische und iranisch geführte Milizen seit Jahren den Mittleren Osten auf. Im Libanon ist die schiitische Hisbollah heute bereits die wesentliche militärische Kraft, und die Armee wird von Schiiten unterwandert. In Syrien haben schiitische Milizen für Baschar al-Assad den Krieg gewonnen. Im Irak haben sie über den IS gesiegt. Im Jemen rüstet der Iran die schiitischen Huthi gegen die Regierung und deren Paten Saudi-Arabien auf. Der Iran hat also die Entspannung mit dem Westen seit dem Atomabkommen 2015 ausgenutzt, um seine anderen Ziele zu verfolgen.

Gegen die iranische Doppelgesichtigkeit – beim Atomabkommen freundlich, ansonsten hochaggressiv – wollen auch die Europäer vorgehen. Nur möchten Deutschland, Frankreich und Großbritannien das Atomabkommen erhalten, weil von ihm die prekäre Stabilität des Mittleren Ostens abhängt. Sie versuchen, Washington vom Konzept einer "Brandmauer" zwischen den beiden Arenen der Iranpolitik zu überzeugen: Auf der einen Seite soll das Abkommen erhalten bleiben, auf der anderen soll der Westen den Iran wegen seiner Regionalpolitik unter Druck setzen. Trump hält offenbar nichts davon, sonst hätte er kein Ultimatum gestellt.

Die Europäer haben nun 120 Tage, um Trump zu überzeugen, dass es Wahnsinn wäre, der Raketen und der Milizen wegen aus dem Nukleardeal auszusteigen. Sie wollen eine "hochrangige Arbeitsgruppe" mit Teheran einrichten, um den Iran zu Kompromissen zu zwingen. So begannen vor 15 Jahren auch die Atomverhandlungen. Doch diesmal ist der Druck höher – und die Zeit knapper. Trump will seinen Wählern zeigen, dass er wie versprochen gegen den Iran vorgeht.

Es könnte so kommen, dass die Europäer am Ende wegen der Raketen und Milizen neue Sanktionen gegen den Iran verhängen müssen, um zu verhindern, dass Trump das Atomabkommen zerstört.