Der Beginn einer erfolgreichen Berufskarriere scheint heute allein auf der Grundlage sorgfältig angelegter und bestens verknüpfter Profile möglich zu sein. In den vergangenen 15 Jahren ist dieses Format zu einer so unwidersprochenen wie allgegenwärtigen Form der Selbstdarstellung geworden. Netzwerke wie LinkedIn mit Hunderten Millionen Mitgliedern haben auf dem Arbeitsmarkt dazu geführt, dass die Akquise von Bewerbern über die Online-Profile der Nutzer fast unumgänglich ist. "Was zählt beim Bewerben?", wurde die Recruiting-Managerin eines großen internationalen Konzerns kürzlich von ZEIT Campus gefragt, und ihre Antwort lautete, dass "ein aussagekräftiges Profil auf Xing und vor allem auf LinkedIn aus meiner Sicht ein absolutes Muss für examensnahe Studenten und für Absolventen" sei.

Das ist erstaunlich. Denn bis vor 20 oder 25 Jahren waren nur Serienmörder oder Wahnsinnige Gegenstand eines "Profils". Diese Wissensform, dieses Raster der Menschenbeschreibung hat im letzten Vierteljahrhundert eine so rasante wie tief greifende Umwandlung erlebt.

In seiner Bedeutung als kurze, tabellarische Biografie hat das schriftliche "Profil" eine verhältnismäßig junge Geschichte. Es ist zum ersten Mal Anfang des 20. Jahrhunderts als Fachbegriff der Psychologie nachweisbar, in Untersuchungen von Kinderpsychiatern und Pädagogen, die verhaltensauffällige Schüler mit einer Reihe von Intelligenz- und Reaktionstests daraufhin untersuchen, ob sie eher eine konventionelle oder eine Sonderschule besuchen sollen. Die Ergebnisse dieser Tests bündeln die Ärzte zu einer Diagnose, die sie psychologisches Profil nennen.

Die Zusammenarbeit zwischen Kriminalisten und Psychoanalytikern

Um 1930 verliert sich zunächst die Spur dieser Bezeichnung, doch bald darauf taucht sie in einem neuen Wissenskontext auf, der ihr dann im späten 20. Jahrhundert umfassende Popularität verschaffen wird. Um die Aufklärung ungelöster Kriminalfälle voranzutreiben, kooperieren nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA Kriminalisten zunehmend mit Psychoanalytikern. So wie die konventionelle Polizeiarbeit materielle Spuren am Tatort auswertet, um sich über Fingerabdrücke oder verstreute Projektile der Identität des Täters zu nähern, beginnt sich die kriminalpsychologische Perspektive auch auf die immateriellen, affektiven Spuren zu konzentrieren, die er hinterlässt. Dieser Persönlichkeitsabdruck wird 1962, in einem Aufsatz über notorische Brandstifter, zum ersten Mal als psychiatrisches Profil bezeichnet.

Nun sind es also unbekannte Personen, die mithilfe des Wissensformats identifiziert werden sollen; an die Stelle der Prüfung tritt die Fahndung. Ende der 1970er Jahre wird die Erstellung von "Täterprofilen", wie sie nun heißen, mit programmatischer Sorgfalt entwickelt, und zwar im Umfeld einer neu gegründeten Abteilung des FBI mit dem Namen Behavioral Science Unit (deren Geschichte sich gerade die viel gelobte Netflix-Serie Mindhunter widmet).

Das überzeugende Profil muss individuell und angepasst zugleich sein

Der Erkenntnisauftrag des "Profils" liegt den FBI-Strategen zufolge darin, an den Schauplätzen ungeklärter Sexualmorde oder Brandstiftungen bestimmte Verhaltensmuster und Motive des Täters zu entziffern. Vom Zustand des Tatorts schließen die Ermittler auf eine eher organisierte oder desorganisierte Vorgehensweise, und von dieser Grunddifferenz aus versuchen sie die Identität des Unbekannten mehr und mehr einzukreisen. Die Ambition, aus einer Verbrechensserie individuelle mentale Spuren zu destillieren, ist dabei unabdingbar an den psychopathischen Zustand des Täters gebunden. "Profile", das machen die Erfinder des Formats beim FBI in ihren Schriften immer wieder klar, werden nur dort erstellt, wo kein evidenter Sinn aus dem entrückten Wüten spricht.

Was eine kurze Begriffsgeschichte des "Profils" also sofort verdeutlicht, ist der Umstand, dass dieses Format ein knappes Jahrhundert lang einer wissenschaftlichen oder polizeilichen Instanz Aufschluss über die Identität und das Denken prekärer Subjekte gegeben hat. Erst Mitte der neunziger Jahre wird das Verfahren neu bestimmt und dabei massiv ausgeweitet. Autor und Gegenstand der "Profile" fallen nun immer häufiger zusammen; ihre Aufgabe liegt meistens darin, die besondere Attraktivität, Kompetenz oder soziale Eingebundenheit der dargestellten Person herauszustreichen. Wie ist es zu einer solch elementaren Verschiebung gekommen?

Einerseits sind für diesen Bruch natürlich die technologischen Bedingungen der digitalen Kultur verantwortlich. Mit dem Internet verbesserten sich die Voraussetzungen fundamental, die eigene Person ohne die Massenmedien publik zu machen. In dieser neuen Sphäre digitaler Öffentlichkeit tauchen schnell die ersten Spuren selbst verfasster Profile auf, in Online-Dating-Plattformen oder dem ersten sozialen Netzwerk heutigen Zuschnitts namens sixdegrees.com, das Andrew Weinreich Anfang 1997 in New York vorstellt.

Andererseits aber treibt am Ende der neunziger Jahre ein Bereich die Umwandlung des "Profil"-Formats an, der nicht unmittelbar an die technologischen Umwälzungen der Zeit gebunden ist, und zwar die Sphäre des Arbeitsmarkts. Im Zuge einer neuen Bewerbungskultur mit standardisierten Anforderungen, Prozessen und Unterlagen taucht ein zuvor unbekanntes Genre auf dem Buchmarkt auf – das Bewerbungshandbuch –, das dem Begriff "Profil" innerhalb weniger Jahre enorme Popularität verleiht. In Deutschland dominieren die Werke von Christian Püttjer und Uwe Schnierda seit einem Vierteljahrhundert die Bewerbungsliteratur; bis heute hat das Autorenteam ein Imperium aus über sechzig solcher Ratgeber errichtet.

Der Begriff des "Profils" wird durch diese Broschüren und Bücher zur Schlüsselvokabel und Grundlage der gesamten Bewerbungsschulung. Insbesondere als Püttjer und Schnierda nach der Jahrtausendwende die sogenannte Profil-Methode als eingetragenes Warenzeichen schützen lassen und ihre Bücher von nun an fast immer mit diesem Begriff im Titel oder Untertitel veröffentlichen.