Sieht man sich die Biografien von OxyContin-Abhängigen an, gleichen sie einer Treppe, Droge für Droge geht es immer weiter hinab. Irgendwann stehen die Abhängigen nicht mehr vorm Arzt, sondern vorm Dealer. Sozialer Abstieg, mentaler Verfall.

Nach zwei schweren Autounfällen bat LeMire seine Mutter um Hilfe. Sie fand für ihn einen Platz in einem Entzugsprogramm. Seit zwei Jahren ist er clean – und versucht nun, anderen Abhängigen zu helfen.

Es ist etwas mehr als ein Jahrzehnt her, dass vorübergehend die Hoffnung aufkam, der OxyContin-Wahnsinn sei überstanden. 2006 zahlte Purdue den Patienten der Sammelklage 75 Millionen Dollar Schadensersatz. Im Jahr darauf bekannte die Firma sich nach weiteren Klagen schuldig, Gefahren und Nebenwirkungen ihres Produkts heruntergespielt zu haben. Sie entließ drei führende Mitarbeiter und zahlte die bis dahin höchste Summe, die je ein Pharmaunternehmen in einer Schlichtung gezahlt hatte: 635 Millionen Dollar. Im Vergleich zu den Milliarden, die die Firma mit OxyContin bis dahin verdient hatte, war das ein Schnäppchen. Von der Sackler-Familie wurde niemand zur Verantwortung gezogen.

Einige Krankenversicherungen haben OxyContin jetzt aus ihrer Versicherungsleistung gestrichen, in New Hampshire wurde ein Monitoringsystem für verschreibungspflichtige Medikamente eingerichtet. Die Hoffnung dahinter: In Zukunft sollen weniger Menschen süchtig werden. Auch viele der bereits Abhängigen kommen nun nicht mehr so leicht über einen Arzt an OxyContin. Doch der Kampf, den Menschen wie der Sozialarbeiter LeMire, die Ermittlerin Fallon und der Staatsanwalt Boffetti führen, gleicht dem Versuch, ein Buschfeuer zu löschen. Sobald ein Brandherd unter Kontrolle ist, lodert es andernorts auf. Die OxyContin-Abhängigen verlegen sich jetzt erst recht auf Heroin oder auf das Mittel Fentanyl, das noch stärker ist und normalerweise in der Anästhesie verwendet wird. Es ist der Wirkstoff, der sich auch im Körper jener Verkäuferin fand, die Kim Fallon untersuchte.

OxyContin, das Mittel, mit dem das Elend anfing, hat die Sacklers zu einer der reichsten Familien Amerikas gemacht. Kürzlich haben sie den mit 11.000 weißen Porzellanfliesen ausgekleideten Sackler Courtyard im Londoner Victoria and Albert Museum finanziert, es gibt einen Sackler-Flügel in der Royal Academy in London, einen im Louvre in Paris und einen im Metropolitan Museum in New York. Im Guggenheim gibt es ein Sackler Center, im American Museum of Natural History ein Sackler Educational Lab.

Man könnte nun denken, hier sei die Geschichte zu Ende. Eine amerikanische Erzählung, fernab deutscher Wirklichkeit. Eine Katastrophe in einem zunehmend seltsamen Land, das von einem befremdlichen Präsidenten regiert wird. Aber das wäre ein Irrtum. Und den bemerkt, wer durch Münster in Westfalen geht, wieder eine idyllische Stadt, in diesem Fall mitten in Deutschland. Wer die Augen offen hält, kann die gelben Schilder in manchen Apotheken und Krankenhäusern noch sehen: ein stilisiertes Ortsausgangsschild, auf dem das Wort "Schmerz" rot durchgestrichen ist. Darüber steht: Münster. Denn auch in Deutschland sind die Sacklers mittlerweile gut im Geschäft. So fern ist Amerika nun doch nicht, weder kulturell noch geschäftlich.

Im März 2010 startete die Stadt Münster mit einer großen Eröffnungsfeier ein mehrjähriges Forschungsprojekt, das immer wieder als einzigartig beschrieben wurde. Münster solle "Schmerzfreie Stadt" werden, Allgemeinärzte, Krankenhäuser, Altenheime und Apotheken wollten gemeinsam eine bessere Behandlung von Schmerz erreichen. Hauptaugenmerk sollte eigentlich die Therapie von schweren Tumorschmerzen sein. Daniel Bahr, der damalige Gesundheitsminister, wurde Schirmherr, die Weltgesundheitsorganisation ehrte das Projekt, auf dem deutschen Schmerzkongress in Darmstadt wurden zwei Jahre später vor großem Publikum die wichtigsten Ergebnisse vorgestellt. Wer sich die Vorträge heute noch einmal ansieht, dem fällt Erstaunliches auf.

Sehr häufig ist von Patienten mit chronischen Schmerzen die Rede, sie sollen nicht von Fach-, sondern von Hausärzten behandelt werden. Zudem wird berichtet, dass eine Verbesserung der Schmerzbehandlung nach Operationen ("trotz ohnehin guter Ausgangssituation") in Münster vor allem durch einen "Shift von schwachen Analgetika Stufe I zu den Opioiden der Stufe III" zu beobachten gewesen sei. Das Opioid, von dem in den Vorträgen die Rede war, heißt Targin. Es wird von Mundipharma hergestellt. Die Firma war Hauptsponsor des Projektes "Schmerzfreie Stadt Münster". Sie ist das europäische Schwesterunternehmen von Purdue, mit Sitz in Limburg an der Lahn und ebenfalls im Besitz der Sackler-Familie.

Deutschland ist nur einer von vielen Märkten, in die Purdue expandiert hat. 2011 ging das Unternehmen nach China, 2012 nach Russland und in die Türkei, 2013 nach Mexiko, Brasilien und Kolumbien. Alles Länder, in denen es eine große, zumindest wachsende Mittelschicht gibt, die nach Wohlstand strebt. Und nach einem Leben, in dem man nicht mehr so viel aushalten muss.

Deutsche Ärzte verschreiben Opioide immer noch zurückhaltender als amerikanische, unter anderem weil das Betäubungsmittelgesetz hier strenger ist. Im Jahrbuch Sucht 2017 schreiben die Autoren jedoch, dass die Medikamentenabhängigkeit auch in Deutschland stark angestiegen ist. Laut Krankenversicherungen gibt es in Deutschland schon 640.000 Langzeit-Opioidpatienten. Jeder vierte gilt als suchtgefährdet.

Der Hauptbestandteil von Targin, dem in Münster propagierten Mittel, ist übrigens Oxycodon, der Wirkstoff von OxyContin.