Sie hat mehr als 800 Menschen ermordet, über Jahrzehnte kämpfte sie mit Anschlägen gegen den spanischen Staat, Tausende ihrer Anhänger sitzen bis heute im Gefängnis: die Terrorgruppe Eta, Euskadi Ta Askatasuna, baskisch für "Baskenland und Freiheit". Bis die Eta im Jahr 2011 die Waffen niederlegte, war sie die älteste noch aktive Untergrundgruppe Europas. Dennoch wurde lange Zeit vergleichsweise wenig über den baskischen Konflikt erzählt. Einer, der sich schon früh und in literarischer Form mit der Eta auseinandersetzte, ist der 1959 in San Sebastián geborene Autor Fernando Aramburu. Aus der Distanz allerdings, denn der gebürtige Baske lebt seit über dreißig Jahren in Hannover. 2006 veröffentlichte er Los Peces de la Amargura, eine Sammlung von zehn Geschichten über das Leid der Eta-Opfer, den gefährlichen Kult um ihre Helden und die Gräben, welche die Terrororganisation in der baskischen Gesellschaft hinterließ.

Themen, die Aramburu in seinem neuen Roman Patria aufgreift. Es ist die erste große Erzählung über den baskischen Terror. Dass der Roman im spanischen Original reißenden Absatz fand, ist wahrscheinlich kein Zufall, fiel doch das Erscheinen mit dem offiziellen Ende des baskischen Konflikts zusammen: Im April 2017 lieferte die Eta ihre letzten Waffen an die französische Justiz aus.

Dass die Vergangenheit damit noch lange nicht vergangen ist, wird zur treibenden Kraft in Aramburus Roman: An dem Tag, an dem die Eta den Waffenstillstand verkündet, geht die Protagonistin Bittori zum Grab ihres Mannes Txato, der vor über zwanzig Jahren von Eta-Terroristen erschossen wurde. Sie beschließt, zurückzukehren in das Haus, in dem sie mit ihrem Mann lebte. Die Angst vor Anschlägen mag fort sein, doch Bittori hat nicht vergessen. Sie will herausfinden, was damals wirklich geschah, will den Mörder finden und diejenigen zur Rede stellen, die heimlich mit der Eta sympathisierten oder schweigend zusahen. Doch als Bittori ihr altes Haus bezieht, gerät das kleine, namenlose Dorf in der Nähe von San Sebastián in Aufruhr. Vor allem ihre Nachbarin Miren ist beunruhigt. "Damals waren Bittori und sie, Freundinnen? Mehr, Schwestern", beschreibt Aramburu das Verhältnis der Frauen in seiner lakonischen, kristallklaren Sprache. Heute sind sie Feindinnen. Die eine Witwe eines Eta-Opfers, die andere Mutter eines inhaftierten Terroristen und blind für die Verbrechen der Eta aus Loyalität gegenüber dem eigenen Sohn.

Anhand der beiden Familien erzählt der Autor, wie der Terror Freundschaften zerreißt und Gemeinschaften im Kern zerstört. Er erzählt aus der Perspektive kleiner Leute, die sich eigentlich nie groß für Politik interessierten, die in ihren Häusern mit gesenkten Stimmen miteinander reden, damit es die Nachbarn nicht hören. Da sind Bittori und ihre zwei inzwischen erwachsenen Kinder, die jeweils auf ihre Weise um den Vater trauern und sich dabei gegenseitig das Leben schwer machen. Da sind Miren und ihr Mann, ein Stahlarbeiter, der sich jeden Sonntag mit Txato zum Rennradfahren und Spiegeleiessen traf. Da ist der Bruder des Terroristen, der aus Angst zum Mitläufer wird und sich erst spät emanzipiert. Und schließlich seine Schwester, die ein Schlaganfall an den Rollstuhl und wieder an die Familie bindet, die aber letztlich zwischen den Parteien vermittelt.

Nicht der Terror oder die politischen Konflikte stehen zunächst im Vordergrund, sondern die Personen, die erzählen und über die erzählt wird. Aramburu versetzt sich in sie alle hinein. Er beschreibt das Geschehen in dem kleinen baskischen Dorf aus wechselnden Perspektiven und in kurzen Episoden, die keiner chronologischen Ordnung folgen. Oft weiß man nicht sofort, wer da eigentlich erzählt, denn immer wieder springt der Autor in der Zeit vor und zurück und mischt baskische Wörter unter. Das ästhetische Ergebnis ist ein Stil, der gebrochen ist, gezeichnet von einem Dazwischen. Von einer Suche nach den Wurzeln von Misstrauen, Hass und Entzweiung.

Und der Leser? Ist mittendrin, hört hier wie dort hinein in die Privatgespräche der Familien. Wird Zeuge, wie Bittori am Grab ihres Mannes grübelt, wer ihn wohl ermordet habe. War es Joxe Mari, der Sohn ihrer ehemaligen Freundin? Der Leser ist dabei, wenn Joxe Mari in den Untergrund geht, und lernt das intellektuelle Brachland kennen, auf dem seine Überzeugung eines politisch souveränen Baskenlandes gewachsen ist: "Wenn wir die Unabhängigkeit haben, regeln wir alles unter uns. Die Arbeiter sollen ein besseres Leben haben? Perfekt. Sie kriegen es. Wer will das verhindern, wenn uns keiner von außerhalb mehr regiert? Das ist dann Euskera-Angelegenheit. Und genau dasselbe, wenn jeder Christenmensch hier Euskera spricht; dann gibt es dazu gar nichts mehr zu sagen", erklärt Joxe Mari seinen Freunden, die seine Ideen unhinterfragt übernehmen.

Es ist alles da, die zentralen Aspekte des baskischen Konflikts sind in diesen beiden Familien angelegt: das entstehende Narrativ des ausgebeuteten Volkes, der bewaffnete Kampf, die Inhaftierung seiner Helden, das Verschleiern und Unsichtbarmachen der Opfer, die Teilung des Dorfes in Gut und Böse. Aber auch die Repressionen von Polizei und Staatsgewalt, Hausdurchsuchungen und die Folterpraxis in den spanischen Gefängnissen spart Aramburu nicht aus.