Die "politische Predigt" ist ein Thema, bei dem sich viele sehr gern aufregen, heftig dafür oder dagegen sind. Dabei gibt es wenig, das so überschätzt wird wie die politische Wirkung einer Predigt – und zwar von Anhängern wie Gegnern gleichermaßen. Die Anlässe wechseln, der Effekt bleibt derselbe: Ein Prediger verkündet eine Meinung zu einer aktuellen politischen Frage, die Leute schäumen oder jubeln – je nachdem, wie es in ihren Meinungshaushalt passt. In dieser Saison hat der Tweet eines Journalisten über eine Predigt an Heiligabend, die er misslungen fand, Anstoß zu allerlei Bewegungen im Internet gegeben. Eine Politikerin hängte sich dran und diktierte einer Boulevardzeitung Populistisches in die Feder, um in der nachrichtenarmen Zeit auch einmal vorzukommen. Es war wie jedes Jahr zu Weihnachten bei Loriots Hoppenstedt-Familie: "Da ist dann immer ein großes Hallo!"

Man wundert sich. Denn im Vergleich zu früher erscheinen die evangelische und katholische Kirche heute fast schon entpolitisiert. Die katholische hat ihre enge Verbindung mit dem politischen Konservatismus längst gelöst, und die evangelische ist überhaupt nicht mehr so protestbewegt wie etwa in den siebziger Jahren. Die heftigen Pendelbewegungen des vergangenen Jahrhunderts – zunächst schroff antidemokratisch, dann forciert antiautoritär – sind einem vagen Zittern gewichen. Kaum jemand tritt mehr mit dem Gefühl auf eine Kanzel, die einzig mögliche Wahrheit zu verkünden, oder spricht den Anhängern anderer Meinungen mal eben ab, auch Christen zu sein.

Wenn Prediger heute an etwas leiden, dann ist es weniger ein Übermaß an Selbstgewissheit als eine tiefe Verzagtheit. Darin sind sie ein Spiegel der deutschen Gesellschaft. Noch geht es uns sehr gut. Aber wie lange noch? Radikale Veränderungen kündigen sich an. Nur, was sollen wir tun? Wir haben viele Ängste. Doch was dürfen wir hoffen, können wir glauben? So genau weiß das niemand zu sagen. Da Unsicherheit schwer auszuhalten ist, wird sie gern aggressiv abreagiert – in Meinungskundgaben. Aber wenig ist so langweilig wie Meinungen. Sie sind so vorhersehbar, denn sie hängen vom Alter, von der Schichtzugehörigkeit, dem Bildungsstand und dem Milieu ab, aus dem jemand kommt. Wenig ist so wirkungslos wie die Meinung eines Predigers. Kleine Testfrage: Welche politische Entscheidung der vergangenen 30 Jahre wurde aufgrund einer kirchlichen Meinungsäußerung getroffen?

Dennoch bleibt die Predigt eine bedeutsame Einrichtung. Dass häufig so schlecht über sie geredet wird, kann man als Zeichen dafür nehmen, dass etwas von ihr erwartet wird, nämlich dass sie aus der christlichen Botschaft etwas gewinnt, was den Hörern dabei hilft, zur Besinnung zu kommen, ihr Leben zu deuten und auszurichten, das eigene Urteil im Wortsinne zu "bilden". Das kann durchaus eine politische Bedeutung annehmen. Doch welche genau? Bei denen, die heftig dafür oder erbittert dagegen sind, dass Prediger sich politisch äußern, bleibt genau dies unklar.

In Deutschland sind Staat und Religion getrennt. Die Kirchen sind keine Parteien und haben keine Macht. Zugleich aber sind sie Teil der Polis, gehören zur Gesellschaft. Hier, in diesem öffentlichen Raum zwischen dem Staat und dem Privatem, wird über die drängenden Grundfragen dieses Landes diskutiert. Es ist ein Charakteristikum deutscher Religionskultur, dass die Kirchen – wie alle Religionsgemeinschaften – dabei als zivilgesellschaftliche Akteure neben anderen mitwirken. Sie erhalten die Chance, gut hörbar ihre Anliegen zu vertreten, müssen sich aber geltenden zivilisatorischen Standards fügen. Obwohl dies von ganz links und neuerdings von ganz rechts bekämpft wird – da sind sich Teile der Linkspartei und der AfD erstaunlich einig –, gibt es gute Gründe, anzunehmen, dass diese liberale Religionskultur sinnvoller ist als ein doktrinärer Laizismus.

Für die Kirchen heißt dies, dass sie die Chance und die Aufgabe haben, für Humanität einzutreten – gerade zu Weihnachten. Denn an Heiligabend sind die Predigten öffentliche Reden. In der Kirche sind nicht nur die Hochverbundenen versammelt, sondern sehr viele und sehr unterschiedliche Menschen. Sie machen aus dem sakralen einen öffentlichen Raum.

Als Prediger sieht man sich mit hohen, sehr widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert: Stimmungsvoll soll es sein, aber auch anspruchsvoll, nachdenklich und besinnlich, grundsätzlich und aktuell, zu Lachen soll es etwas geben, doch nicht zu viel. Es grenzt an ein Wunder, dass überhaupt einige Weihnachtspredigten gelingen. Als öffentliche Rede hat die Weihnachtspredigt nun die Aufgabe, christliche Humanität zu bezeugen. Denn dieses Fest hat keine seligen Ausnahmezustände zum Kern, sondern die Menschwerdung Gottes. Deshalb stellt es die Frage, wie die Botschaft des himmlischen Friedens auf dieser Erde Heimat findet – oder nicht. Das hat natürlich auch eine grundsätzlich politische Dimension.

Für Prediger ist dies ein großartiger Moment, aber sie stehen auch vor zwei Versuchungen. Die erste besteht darin, sich im allgemein Besinnlichen zu verstecken. Aus Angst, die vielköpfige, so uneinheitliche Weihnachtsgemeinde zu verschrecken, spricht man dann über die Liebe im Allgemeinen, vermeidet jedoch eine Fokussierung. Die andere Versuchung besteht darin, dass man diese einmalige Chance ausnutzt, um all das loszuwerden, was man immer schon einmal sagen wollte. Dabei verliert man aber leicht aus den Augen, dass die öffentliche auch eine geistliche Rede sein soll. Da gilt es, das Profane auf eine höhere Ebene zu führen, es zu verwandeln, eine andere Perspektive zu eröffnen, als sie im sonstigen öffentlichen Gerede möglich ist. Das verlangt nicht nur Nachdenklichkeit, sondern auch Takt.