Ein Showroom-Besuch beim französischen Start-up Sigfox in der Nachbarschaft des Pariser Triumphbogens ist besser als Kino. Denn der Chef Ludovic Le Moan erzählt eine mitreißende Geschichte. Wie Asterix und Obelix, so klingt es für den Besucher, kämpfen er und sein Mitgründer Christophe Fourtet gegen einen übermächtigen Gegner. Der heißt nicht Rom, sondern GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon).

Le Moan und Fourtet haben in dieser Erzählung einen Zaubertrank: ihre eigene, billigere, nachhaltigere Netzwerktechnologie. Deshalb sind sie die guten, behutsamen, ökologischen Digitalisierer der Welt, und GAFA die bösen, unersättlichen, verschwenderischen. Es ist auch ein Kampf der Europäer gegen die Amerikaner. Und glaubt man Le Moan, können die Europäer ihn gewinnen: Indem sie auf die Dauer mehr Daten aufnehmen. Denn auf die Datenmenge komme es an. Um sie werde gekämpft, sie sichere die Weltherrschaft. Mit Sigfox als Speerspitze habe Europa den großen Kampf um die Daten endlich aufgenommen – und rette dabei ganz nebenbei auch noch die Nashörner in Afrika.

Klingt das glaubhaft? Das jedenfalls ist die kinoreife Geschichte, welche die immer noch ziemlich kleine 400-Seelen-Bude Sigfox gerade mit wachsendem Erfolg neben ihren Produkten verkauft.

"Ich komme aus dem Nichts", sagt er, "aber ich arbeite an etwas Gigantischem"

Keiner erzählt die Geschichte besser als Sigfox-Chef Ludovic Le Moan. Er ist ein rauer Typ, unrasiert, trägt keine Krawatte. Das Jackett legt er schnell ab, als könne es ihn im großen Kampf um die Daten nur stören. "Ich komme aus dem Nichts, aus der Kleinstadt Le Havre, ich bin Sohn eines Arbeiters", sagt Le Moan, den Oberkörper so wuchtig nach vorn gebeugt, dass man denkt, die Tischplatte vor ihm müsse zersplittern. "Aber ich arbeite an etwas Gigantischem. Mit Sigfox schaffen wir heute Europas digitales Abschreckungssystem." Und wenn das nicht funktioniert? "Dann werden wir die Sklaven der übrigen Welt sein." Le Moan sagt das mit der Überzeugungskraft eines guten Hollywood-Akteurs.

Was aber hat der Unternehmer wirklich zu bieten? Wofür haben ihm namhafte Investoren aus aller Welt, darunter Firmen wie Bosch und Kyocera, knapp 300 Millionen Euro zur Verfügung gestellt?

Um das zu verstehen, muss man zurück in das Jahr 2010, als sich zwei Männer in Südfrankreich in einer Garage unweit von Toulouse trafen. Der eine war Le Moan. Er sagt: "Ich konnte nach der ersten Begegnung eine Woche lang nicht schlafen." So sehr hätte die Entdeckung des anderen seine Fantasie angeregt. Der andere – das ist Mitgründer Fourtet, der heutige Technologie-Chef des Unternehmens. Sein Zimmer in der Sigfox-Zentrale in Toulouse erinnert bis heute ein bisschen an die Garage, in der sich die beiden Gründer kennenlernten und in der er damals rumtüftelte: kahle Wände, ein kleiner Schreibtisch, daneben Stapel voller Radiogeräte mit runden Knöpfen.

Anders als Le Moan hat Fourtet eine zurückhaltende Körpersprache. Er trägt Hemd und Jeans wie jedermann. Ein unauffälliger Typ. Und dann ist er auch noch Radio- und Funk-Fachmann, scheinbar ganz altmodisch. Er spricht gerne von den deutschen Funkern auf ihren U-Booten im Atlantik zur Zeit der Weltkriege. Die Deutschen konnten damals über Tausende Kilometer hinweg mit ihren Mörsern schwache Signale empfangen. Dafür saßen sie den ganzen Tag in der Tiefe des Meeres vor ihren Radiogeräten und drehten an großen Knöpfen. So ähnlich muss man sich auch Fourtet damals in seiner Garage nahe von Toulouse vorstellen. Jahrelang machte er Tests mit Radiogeräten. Er sagt: "Sehr wenige verstanden mich." Dann kam Le Moan. "Christophe dachte, ich sei verrückt, als ich ihm eine globale Business-Vision entwickelte", erinnert sich dieser.

Acht Jahre später ist es so weit: Fourtets sparsame, energieeffiziente Funktechnik überzieht fast schon die ganze industrielle Welt. Frankreich, Spanien, die Beneluxländer, Singapur und Neuseeland sind bereits abgedeckt, in Deutschland, den USA und Brasilien wird das Netz derzeit ausgerollt, China will 2018 mit dem Aufbau der Basisstationen beginnen. Etwa 1.200 der koffergroßen Anlagen braucht es in einem Land von der Größe Deutschlands. Hergestellt werden sie von Bosch. Sie stehen auf Hügeln und Hochhäusern. Bald können sie von jedem Flecken in Deutschland aus Daten empfangen. Funklöcher gibt es bei dieser Technik nicht.