Nein

Simon Strauß schreibt über AfD-Sorgen im Proseminarstil. Er träumt von Auswegen für den bedrohten Mann. Von Antonia Baum

Seit einiger Zeit begegnet man bei der Lektüre des FAZ-Feuilletons Simon Strauß. Er ist 29 Jahre alt, hat einen berühmten Vater (Botho Strauß) und macht sich unter anderem Sorgen darüber, wie es weitergehen soll mit den Deutschen. Es gebe, stellte er in einer Art Aufsatz zur Lage der Nation fest, "nicht nur Start-up-Hipster, Hartzer und Flüchtlinge, sondern auch viele weiße Frauen und Männer in diesem Land". Reist er durch Germany, sieht er "brachialen Konsum" und "schnöde Mammonunterwürfigkeit", er sorgt sich um das deutsche Bildungsbürgertum, trifft Menschen, die sich fragen, warum Deutsche nicht stolz auf ihr Land sein können, und ist enttäuscht von der "letzten ideologischen Energiequelle" der Deutschen, den Gleichstellungsdebatten.

Letztes Jahr hat Strauß den Roman Sieben Nächte veröffentlicht, und der unterscheidet sich von seinen journalistischen Texten insofern, als er zwar ebenfalls raunt, aber nicht so explizit wird. Der Ich-Erzähler sehnt sich nach früher, nach echten Kämpfen und Gegnern. Er leidet unter der Langeweile in der Komfortzone.

Und so liegt in Strauß’ Texten (den literarischen und den journalistischen) dann auch regelmäßig irgendwer in Schützengräben rum, ist jemand ein angeschossener beziehungsweise altgedienter Soldat, ist Kanonengrollen zu hören. Der Protagonist aus Strauß’ Roman wünscht sich große Gefühle, er versucht seinen dandyhaften Ennui radikal zu besiegen, und die Erzählung dieses Versuchs hat einige Kritiker in Verzückung versetzt: Der Roman könne das Buch dieser Generation werden und sei eine Antwort darauf, was nach der Ironie kommen solle.

Nun könnte man natürlich sagen, mir doch egal, ob dieser Strauß Schwierigkeiten mit seiner Langeweile hat und daraus die falschen Schlüsse zieht. Aber das geht eben nur solange, wie man übersieht, dass es hier nicht nur um ihn geht, sondern um mehr. Es geht um den Flirt mit rechts, der zwar bei seinen Adressaten zuverlässig ankommt, aber auch so ungefähr bleibt, dass man ihn schwer angreifen kann. Es geht also um den Lieblingssport der Partei Alternative für Deutschland, hinterher zu sagen, dass man sie völlig falsch verstanden habe, und diesen Sport beherrscht eben nicht nur die sogenannte Neue Rechte, das können auch Menschen wie Simon Strauß, Menschen aus einem gut situierten, bürgerlichen Bildungsmilieu. Menschen auch, die von einer konservativen Revolution träumen, die Jünger zitieren und denen die AfD zwar zu vulgär ist, deren Anliegen aber scheinbar doch nicht so fern sind.

Und zu diesen Anliegen gehört selbstverständlich auch der bedrohte Mann. In Strauß’ Buch spielt Männlichkeit eine wichtige Rolle: Der Erzähler isst Fleisch und fährt Auto, wie sich das für richtige Männer gehört; wenn er seine geistigen Bezugsgrößen zitiert, so sind es ausschließlich Männer, er sehnt sich nach Heldentum und Geheimbünden, bis er selbst einen für die Handlung des Buches zentralen Pakt mit einem Mann schließt, der ihn "führen will".

Hier erinnert der Roman an die Wirklichkeit, an jene fast besoffene, George-Kreis-hafte Strauß-Verliebtheit einiger seiner männlichen Fans in den Feuilletons und natürlich an den zentralen Strauß-Förderer Jürgen Kaube, der einem absoluten Männerparadies vorsteht, nämlich der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo der Feuilletonredakteur Simon Strauß die Seiten mit AfD-Sorgen in Proseminar-Sprache vollschreibt.

Herausgeber Kaube beantwortete neulich die Kritik an seinem Redakteur mit einem Text, in dem er behauptet, dass die Kategorien links und rechts als Unterscheidung künstlich am Leben erhalten würden und nur der Simulation eines Kampfes dienten.

Das ist zum einen echt unsensibel gegenüber seinem Schützling Simon Strauß, denn diese angebliche Abwesenheit eines echten Kampfes ist ja Teil dessen postmodernen Problemkomplexes. Aber vor allem ist es absurd, denn was tut Kaube nach dieser Logik, indem er Strauß auf rechte Weise in seinem Feuilleton herumraunen lässt? Er simuliert einen Kampf. Er schickt ein Zirkuspferd in die Manege, das ein paar gefährliche Sachen sagt, und wenn es etwas unangenehm wird, kommt er und sagt: Alles nur Show, liebe Studierende.

Und möglicherweise verdeutlicht dieser Move auch einen entscheidenden Aspekt der männlichen Strauß-Verliebtheit: Der junge Autor fungiert als eine Art stellvertretender Träger männlicher Probleme im 21. Jahrhundert und träumt für den bedrohten Mann von Auswegen. Fleisch essen, Held sein, große Gefühle, der Wunsch nach einer stabilen Identität. Insofern muss sich Strauß eigentlich überhaupt keine Sorgen machen, wenn er befürchtet, es gebe keine großen Kämpfe mehr. It’s happening right now, ganz ohne Simulation.

Es geht um publizistische Macht, den Zugang zu ihr und die Frage, wem das Sprechen ermöglicht wird.