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Dem 29-jährigen FAZ-Autor Simon Strauß wird Nähe zum Faschismus vorgeworfen. Das ist lupenreiner Rufmord. Von Ijoma Mangold

Im vergangenen Sommer erschien ein Buch des 29-jährigen FAZ-Redakteurs Simon Strauß. Sieben Nächte erzählt von einer Art Teufelspakt: Der Erzähler, der unter der Aussicht auf eine weich abgefederte Festangestelltenexistenz leidet, möchte noch einmal das Vorrecht der Jugend genießen, wagemutig, abenteuerlich und ohne Rückversicherung zu leben. In sieben Nächten, so der Pakt, darf er die sieben Todsünden erkunden. Ob man durch diesen Sündenparcours tatsächlich näher zum Pulsschlag des wahren Lebens jenseits aller Wellness-Diäten und moralischen Korrektheiten kommt, stellt das Buch von Nacht zu Nacht mehr infrage.

Der Protagonist leidet unter den ewigen Ironien der Postmoderne, dem Abgeklärten und ängstlich Pragmatischen seiner Gegenwart und verdonnert sich als Gegengift zu Pathos, Vitalismus und Gefühl. Das Buch schied die Geister: Die einen begrüßten den fiebrigen Ton und den Mut zum Pathos, die anderen hielten Letzteres für hohl und den Vitalismus für Pose.

So weit, so normal. Alles andere als normal ist hingegen, was seit einigen Tagen passiert: Simon Strauß arbeite, heißt es, AfD-Positionen zu. In der taz erklärt Alem Grabovac, Strauß schreibe "im Gewand der Romantik Pamphlete für die Neue Rechte". Volker Weidermann, der im Sommer Strauß’ Buch noch gefeiert hatte, gibt sich etwas skrupulöser, findet im aktuellen Spiegel aber auch, dass Strauß "nicht völlig unschuldig daran" sei, dass "manche ihn für einen Neurechten und AfD-Sympathisanten halten". Und die "rich kids of literature", ein Kreis junger Autoren, auf deren Romantik-Begriff sich Strauß einmal bezogen hatte, erkennen in Sieben Nächten jenes "Gedankengut", "das in einer erschreckend ähnlichen Erscheinungsform vor nicht einmal siebzig Jahren den Holocaust mit möglich gemacht hat". Eine Nummer kleiner geht’s wohl nicht? Gewiss ist Simon Strauß kein Linker, aber ist alles, was außerhalb des linksliberalen Meinungskorridors nach neuen ästhetischen Ideen sucht, schon gleich AfD beziehungsweise Zurüstung zum Holocaust?

Man möchte ja meinen, dass ein so schwerer Vorwurf (der den Adressaten ganz aus dem Diskurs entfernt sehen möchte) umso verantwortungsbewusster nachgewiesen werden müsste (schließlich können die Ankläger eigentlich kein Interesse daran haben, recht zu behalten). Doch im Gegenteil. Strauß’ Ankläger machen keine Gefangenen.

Hauptanklagepunkt: Strauß fröne einem Ästhetizismus und einem romantischen Gefahrenkult, der per se protofaschistisch sei. Tatsächlich gibt es in Sieben Nächte eine Sehnsucht nach früheren, wilderen Zeiten, aber Strauß bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Nachkriegszeit und zitiert deshalb Wolf Wondratschek, diese eigensinnige Verkörperung eines Belmondo-haften 68er-Geists, und seinen ikonischen Buchtitel: Früher begann der Tag mit einer Schusswunde.

In Sieben Nächten gibt es auch eine Begeisterung für die Gruppe 47 – aber die Hermeneutiker des Verdachts halten die "47" für ein Ablenkungsmanöver und lesen nur "Gruppe": Folglich wolle hier einer Teil einer Massenbewegung sein und sehne sich nach kollektiven Räuschen.

Wie kommt es zu so denunziatorischen Lesarten? Erstens: Strauß hatte vor Jahren Götz Kubitschek in einen Salon eingeladen, den er zusammen mit anderen Autoren führte. Das war bevor die Qualitätsmedien alle nach Schnellroda für eine Kubitschek-Homestory pilgerten. Strauß wird das zur Last gelegt. Verschwiegen wird, dass die Begegnung konfrontativ verlief und Kubitschek danach enttäuscht auf sezession.de schrieb, keiner der jungen Leute habe sich vom "vollständigen Umbau der Völker" alarmieren lassen.

Zweitens: Simon ist der Sohn von Botho Strauß, der mit seinem Anschwellenden Bocksgesang dem linken Justemilieu eine tiefe Wunde geschlagen hatte. Wenn man jetzt beide in Tateinheit verhaftet, klingt das plausibel, nach dem Motto: "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm."

Drittens hatte Simon Strauß im Dezember in einem Feuilleton-Aufmacher der FAZ die Erfolge der AfD damit erklärt, dass über Monate hin keine andere Partei in der Lage gewesen sei, "vernünftige Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik" zu üben. Dieser Satz ist eine Tatsachenbehauptung – es sei denn, man ist der Meinung, dass jeder, der Merkels Flüchtlingspolitik kritisiert, bei der AfD einsortiert gehört. Das machen jetzt die Strauß-Kritiker erbarmungslos. Sehen sie eigentlich, dass sie mit dieser Schubladisierung die AfD größer machen, als sie eh schon ist?

Gesten der Provokation und der Verachtung für das allzu philisterhaft Ausgeruhte gehören zu jedem Sturm und Drang. Man mag diesen Gesten auf den Zahn fühlen, sie für lächerlich halten, man soll sie auch gerne bekämpfen, aber im Sinne der menschlichen Proportion sollte dabei ein Strafmaß unterhalb von "Wegbereiter der AfD" noch möglich sein. Doch in die Tasten zu hauen scheint nur dann so richtig Spaß zu machen, wenn man sich dabei als Nazijäger fühlen darf. Insofern ist die AfD ein Geschenk für alle Gesinnungstäter, die jetzt bei allem, was ihnen nicht passt, die maximale Alarmstufe ausrufen können.

Übrigens hat keine Phrase im rechten Milieu zu so viel Befriedigung geführt wie die Rede von der "Nazikeule". Das Schenkelklatschen auf den rechten Hetzseiten im Netz ist jedes Mal groß, wenn ein medialer Sachverhalt mal wieder als "Nazikeule" identifiziert werden kann. Die Art, wie jetzt versucht wird, Simon Strauß zu beschädigen, füllt diese AfD-Phrase leider mit Leben.