Völlig konkurrenzlos ist die App nicht. Microsoft hat vergangenes Jahr mit Teams einen Wettbewerber auf den Markt gebracht, der nach Konzernangaben von 125.000 Unternehmen genutzt wird. Mit Stride startete dieses Jahr auch der australische Softwarehersteller Atlassian einen entsprechenden Kurznachrichtendienst.

Eines haben die Anwendungen gemeinsam: Sie könnten den Arbeitsalltag radikal verändern. Hinweise darauf findet man in Berlins Start-up-Szene, wo die 20- bis 35-jährigen Millennials das Bild prägen. Technologieunternehmen gehören zu den enthusiastischsten Abnehmern der Anwendung.

Das Start-up Grover beispielsweise ist darauf spezialisiert, Technik zu vermieten. Betritt man seine Geschäftsräume, wird man von einem Schild begrüßt, auf dem "Make and seize opportunities" steht, also etwa "Erschaffe Gelegenheiten, und nutze sie". Die aus aller Welt stammende Belegschaft sitzt an ihren Schreibtischen und hört über Kopfhörer Musik. Es herrscht eine Stille wie im Museum. Sie wird nur vom Klackern der Tastaturen durchbrochen: Es wird kommuniziert, was das Zeug hält. "Auch wenn mein Kollege neben mir sitzt, ziehe ich manchmal Slack vor. Ich habe Kopfhörer auf, wir versuchen uns bestmöglich zu konzentrieren, und wenn ich jemanden per Slack anschreibe, kann er entscheiden, wann er darauf antworten möchte", sagt Stephan Dreier, der bei Grover für den Bereich Business-Development verantwortlich ist.

Verschlankt Slack die Abläufe, oder ist es nur ein ausgefeiltes Kontrollinstrument?

Anders als bei E-Mails geht es bei Slack um die nahezu unmittelbare Kommunikation, die eine Echtzeitunterhaltung zwischen Menschen ermöglicht, die rund um den Globus verteilt sind. Alle Teilnehmer können – anders als in den E-Mails – ständig und in Echtzeit sehen, was die anderen zum gleichen Thema schrieben. Aus diesem Grund sei die Anwendung für ihn "unerlässlich", sagt Lav Odorovic, Mitgründer und CEO von Penta, einem Berliner Start-up, das etwa 25 Mitarbeiter beschäftigt und Finanztechnologien entwickelt. "Wir haben Personal in Indien und Serbien, und wir kommunizieren einfach per Slack. Einige von ihnen habe ich noch nie kennengelernt", sagt Odorovic.

Slack-Befürworter sagen, die App verschlanke die Abläufe im Büro, reduziere die Zeit, die man in Meetings verbringe, und biete eine Kommunikationsplattform, die rasche Abläufe ermögliche. Die Marktforschungsfirma Radicati Group prognostiziert, dass 2019 nahezu 125 Milliarden arbeitsbezogene Mails verschickt werden – pro Tag. Slack und die Konkurrenz wollen diese Zahl reduzieren und die Ablenkung durch E-Mails verringern. Kunden aus der Technologiebranche halten das für einen ihrer wichtigsten Vorzüge: "Wir nutzen Slack jeden Tag, den ganzen Tag", sagt Edgar Scholler, der Gründer des Mietwagenanbieters Getaway. "E-Mails zu verschicken ist Chaos. Normalerweise lassen sich die Dinge in einer Direktnachricht oder als Chatnachricht in einer Gruppe klären."

Kemmler scheint Lichtjahre entfernt von der Berliner Start-up-Szene zu liegen. Das Unternehmen gehörte 2013 zwar zu den ersten, die Slack einführten, doch vor allem älteren Mitarbeitern erschien die digitale Kommunikation suspekt. Die Chefs können nämlich sehen, was ihre Untergebenen so treiben. "Digitale Hilfsmittel stoßen gelegentlich auf Argwohn", sagt Kemmler-Manager Füseler. "Einige Leute vermuteten, das Unternehmen habe Interesse daran, das Verhalten der Mitarbeiter zu überwachen. Es war wichtig, diese Menschen davon zu überzeugen, dass dem nicht so ist."