Kaiser Wilhelm II. oder Angela Merkel, das macht keinen Unterschied. Die deutsche Gesellschaft ist heute so brutal in Arm und Reich gespalten wie vor mehr als hundert Jahren, als der Mann mit der Pickelhaube herrschte. Das ist die Botschaft einer internationalen Forschergruppe um den berühmten französischen Ökonomen Thomas Piketty, die kürzlich neue Daten zur Ungleichheit veröffentlicht hat.

Nach diesen Daten verdiente im Jahr 1913 das bestverdienende Zehntel der Bevölkerung im Kaiserreich rund 40 Prozent des gesamten Volkseinkommens. Und genauso war es im Jahr 2013 (neuere Zahlen gibt es nicht). So hat es Charlotte Bartels, eine Forscherin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, in mühevoller Kleinarbeit aus historischen Quellen ermittelt und in die Piketty-Studie eingespeist. Ebenfalls aus ihren Daten stammt diese Gegenüberstellung: Im Jahr 2013 bekam die schlechter verdienende Hälfte der Bevölkerung 17 Prozent des Volkseinkommens, die obere Hälfte dagegen 83 Prozent.

Solche Vergleiche sind extrem und können fürchterlich in die Irre führen, denn gegeneinandergesetzt werden hier nur die Einkommen vor Steuern, Sozialabgaben und Sozialleistungen. Nach der Umverteilung durch den Staat sieht es weniger dramatisch aus.

Die drastischen Zahlen sollen die Öffentlichkeit wachrütteln, und dafür gibt es einen guten Grund. Obwohl es in Deutschland gleicher zugeht als anderswo auf der Welt, gilt auch hier: Die Kluft zwischen denen, die nicht wissen, wofür sie ihr ganzes Geld ausgeben sollen, und denen, die nicht wissen, wie es bis zum Monatsende reichen soll, ist heute weitaus tiefer als früher. Seit den achtziger Jahren öffnete sich die Kluft in der Bundesrepublik immer weiter – bis vor etwa zehn Jahren. Seither tut sich kaum etwas.

Das klingt schon wie ein kleiner Sieg, heißt aber vor allem: Der große Spalt schließt sich nicht mehr.

Er bleibt offen, obwohl die Bundesrepublik gerade die längste Wachstumsphase ihrer Geschichte erlebt. Es entstanden massenhaft Arbeitsplätze, auch Vollzeit, auch gut bezahlt. Und in all der Zeit führte eine sozialdemokratisierte CDU-Kanzlerin die Geschäfte – über viele Jahre mit der auf sozialen Ausgleich bedachten SPD als Partner. Beste Zeiten also, um die Schere zwischen Arm und Reich wieder zu schließen, sollte man denken. Doch sie scheint eingerostet zu sein. Sie bewegt sich nicht mehr.

Daran dürften auch die Ergebnisse der Sondierung zwischen Union und SPD wenig ändern. Dass die vereinbarten Schritte – eine stufenweise Abschaffung des Soli, eine Entlastung bei der gesetzlichen Krankenversicherung oder ein Zuschlag für bedürftige Rentner – ausreichen werden, um die Gesellschaft wieder gleicher zu machen, ist wenig wahrscheinlich. Dafür sind die Kräfte, die in Richtung Ungleichheit streben, zu groß.

Vor allem während der Krisenjahre und der Massenarbeitslosigkeit vor dem Jahr 2005 wurde die Unwucht in Deutschland größer. Das gilt für die Brutto-Einkommen, aber auch für die verfügbaren Einkommen, also nach Steuern und inklusive Sozialleistungen (siehe Grafik). Seither tut sich nichts.

Oben angekommen

Welchem Vielfachen der untersten Einkommen die obersten Einkommen* entsprechen

Bertelsmann-Stiftung © ZEIT-Grafik

Warum? Dafür gibt es drei Gründe.

Erstens haben zwar viele zuvor Arbeitslose vom Aufschwung profitiert, aber nicht nur sie. Auch viele Menschen in Haushalten mittlerer und oberer Einkommensschichten arbeiten heute mehr. So kommt es, dass der Zuwachs sich breit verteilt. Das zeigt die Untersuchung eines Forscherteams um den Tübinger Ökonomen Martin Biewen. Wenn alle mehr verdienen, geht vielleicht die Armut zurück, nicht aber die Ungleichheit. Und so war es auch.

Zweitens tragen gesellschaftliche Veränderungen zur Ungleichheit bei. Dazu gehört zum Beispiel der Trend, dass mehr Frauen berufstätig sind. "In den Arbeiterfamilien, in denen das Geld knapp ist, mussten auch früher schon die Frauen arbeiten", sagt Andreas Peichl vom Ifo-Institut in München. "Da hat sich gar nicht viel geändert." Aber nun würden auch in den besser verdienenden Familien die Frauen arbeiten. So erhöhen sich die Haushaltseinkommen in der Mittel- und Oberschicht – und das verschärft die Ungleichheit. Hinzu kommt der Trend zu mehr Singles und Alleinerziehenden, denen in Zeiten schlechteren Verdienstes der Ausgleich durch das Einkommen eines Partners fehlt. Auch das vergrößert die Ungleichheit.