Noch nie ist die Anbahnung einer möglichen Regierungskoalition von so viel schlechter Laune begleitet worden wie jetzt die zwischen Union und SPD. Vor allem aber: Noch nie hat eine mögliche Regierungspartei ihre eigenen Chancen so schlecht geredet wie die SPD. SPD und das Sich-Sorgen-Machen um die SPD sind seit Langem Synonyme. Nun muss man sich aber fragen, ob die stolze SPD vom Selbstzerstörungsvirus befallen ist.

Ja, eine Jamaika-Koalition – die an der FDP, aber beileibe nicht nur an der FDP gescheitert ist – wäre für Deutschland das spannendere Projekt gewesen, und die Opposition wäre der SPD möglicherweise besser bekommen als eine erneute Regierungsbeteiligung. Ja, sollte die neue große Koalition zustande kommen, könnte es passieren, dass die SPD daraus keinen Deut stärker hervorgeht als zuvor. Aber: Welche Alternativen hat die SPD? Soll sie sich das Ergebnis der Sondierungen, das der Parteivorsitzende Martin Schulz "hervorragend" nennt, vom Votum der eigenen Parteibasis wieder zunichtemachen lassen? Soll sie sich dann ohne die jetzige Parteiführung, die bei einem Scheitern zurücktreten müsste, in Neuwahlen begeben, bei denen sie erklären müsste, unter keinen Umständen zu einer Regierung mit der Union bereit zu sein? Wobei jeder Wähler doch zugleich wüsste, dass keine andere politische Konstellation die Sozialdemokraten an die Regierung bringen würde? Dann wäre jede Stimme für die SPD eine bewusste Entscheidung fürs politische Abseits. Die Laune einer solchen Schrumpf-SPD möchte man nicht auch noch erleben!

Und Sigmar Gabriel wird einfach weggemobbt

Es geht um die Frage, ob die SPD noch genug Profil hat nach durchaus erfolgreichen, aber nicht honorierten Jahren in der Groko. Hat sie nicht! Das Rezept der Parteilinken (das auch manche SPD-Wähler wünschen) ist, dass die SPD sich stark links profilieren muss, will sie noch als klare Alternative wahrgenommen werden. Also: Kapitalismuskritik, Abschaffung der privaten Krankenversicherung, Einführung der Vermögensteuer, Aufnahme von mehr Flüchtlingen, weniger Nationalstaat, mehr Europa – und das alles auf einmal.

Aber in welcher Blase leben jene, die das fordern? Haben sie allen Ernstes den Eindruck, dass eine Mehrheit der Deutschen auf diese Themen gewartet hat? Tatsache ist: Noch nie in den vergangenen Jahrzehnten war die parlamentarische Linke so schwach wie heute. SPD, Grüne und die sehr stabile Linke bringen es zusammen gerade mal auf 38,6 Prozent. Im alten Bundestag hätten sie noch die Regierung stellen können. Dafür ist jetzt die Rechte umso stärker geworden.

Wer als Antwort darauf die Volkspartei SPD weiter nach links rücken will, merkt offenbar nicht, dass er sich vom Erfolg der Rechten treiben lässt. Dann werden rechts und links zu kommunizierenden Röhren. Der Bundesrepublik fehlt es nicht an mehr links oder mehr rechts, es fehlt ihr an einer überzeugenden politischen Mitte.

Denn die SPD hat die Wahl keineswegs nur deshalb verloren, weil sie in der großen Koalition war, sondern weil sie offenbar auf falsche Inhalte gesetzt hat. Das Thema Gerechtigkeit ist zu vage und zu abstrakt geblieben, gerade weil ein Teil der SPD-Wähler die massenhafte Aufnahme von Flüchtlingen als ungerecht empfindet, was die SPD gar nicht auf dem Schirm hatte, und weil das allgemeine Bedürfnis eher eines nach Sicherheit ist – der sozialen wie der ganz konkreten. So muss die Groko in der SPD für alle Übel des Universums herhalten, und Politiker wie Sigmar Gabriel werden als personifizierte große Koalition und mit Billigung von Martin Schulz weggemobbt: Sie dürfen nicht mal mehr an den Sondierungsgesprächen teilnehmen. Gabriel hat an dem Wahldebakel Anteil, weil seine zögerliche Übergabe an Schulz die SPD unvorbereitet traf. Doch er ist in der SPD eine Klasse für sich und derzeit auch der beliebteste Sozialdemokrat in Deutschland. Das hat aber offenbar nichts mehr zu bedeuten. Olaf Scholz, auch ein Mann von unbestrittenem Können, ist bei der letzten Wahl zum stellvertretenden Parteivorsitzenden so gedemütigt worden, dass andere hingeschmissen hätten. Selbst wenn die SPD sich am kommenden Wochenende in Bonn zu einem Ja zu Koalitionsgesprächen durchringen kann, droht immer noch eine Brexit-artige Überraschung bei der Urabstimmung der Parteimitglieder.

Nun befürworten nicht nur die Sozialdemokraten in ihrer Partei eine lebhafte Auseinandersetzung, das ganze Land braucht mehr politischen Streit. Der SPD tut auch programmatische und personelle Erneuerung gut. Aber mehr noch wünscht man ihr die von Helmut Schmidt geforderte "Leidenschaft zur praktischen Vernunft" – alles andere führt in die Bedeutungslosigkeit.

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