"Der Kanton ist gefragt"

Dass im Pendlerland Schweiz die Lebensräume und die politischen beziehungsweise administrativen Grenzen auseinanderklaffen, ist schon oft beschrieben worden. Nicht zuletzt in zahlreichen Studien des Thinktanks Avenir Suisse. Auch an mehr oder weniger originellen Vorschlägen zur Abhilfe mangelt es nicht. Aber weder die FOCI (Functional Overlapping Competing Jurisdictions), die den Bürger als Entsorger oder Wasserbezüger anderen territorialen Einheiten zuordnet und nicht als Eltern von schulpflichtigen Kindern, noch der Vorschlag, das Stimmrecht – und die Steuerpflicht? – vom Wohnort auf den Arbeitsort zu erweitern, sind jemals ernsthaft politisch diskutiert worden.

Früher wurde das Problem der falschen politischen Grenzen in einer wachsenden Stadt gelöst, indem man das Umland eingemeindet hat. So auch vor 125 Jahren in Zürich. Mit einem Schlag vervierfachte sich die Einwohnerzahl, und die Fläche wuchs um den Faktor 26. Die Eingemeindung wurde damals vom Kanton vorangetrieben.

In unserer sclerotic society mit ihrer Obsession für Verteilungsfragen und Besitzstandswahrung lesen sich solche Geschichten aus der heroischen Gründerzeit wie Märchen. Wie damals die städtischen Konservativen fürchten sich heute die Rot-Grünen vor dem Verlust der Dominanz an die bürgerliche Agglo. Und wollen selbst um den Preis der politischen Mehrheit keine städtische Wohlfühlkultur mitfinanzieren.

Trotzdem zeigt das historische Beispiel, dass die städtische Zuständigkeit, das städtische Einzugsgebiet vergrößert werden muss – und nicht verkleinert oder gar aufgelöst. Vorgezeichnet ist die Erweiterung ja durch die immer größere Bedeutung überkommunaler Akteure wie Verkehrsverbünde oder durch Projekte wie die Glatttal- und die Limmattalbahn. Diese wiederum wären nicht denkbar ohne die Rolle der SBB und des Verkehrsfonds auf Bundesebene. Weil es um die demokratische Legitimation dieser Akteure auf den staatspolitischen Zwischenebenen nicht zum Besten bestellt ist, müsste auch heute der Kanton wieder verstärkt eine Führungsrolle in der Stadtentwicklung wahrnehmen.

"Endlich wieder Stadt!"

Die Auflösung der Stadt Zürich vollzieht nur nach, was in der Realität bereits existiert. Zürich und seine Agglomeration bilden ein städtisches Archipel, in dem stark verdichtete Inseln wie der Hauptbahnhof, das Gebiet rund um den Prime Tower, das Glattzentrum, aber auch die Überbauung "Zwicky Süd" in Dübendorf aus einem Meer aus Häusern, Grünräumen und Landwirtschaftsflächen herausragen – aus den Blockrändern aus dem 19. Jahrhundert, den Zeilenbauten aus der Nachkriegszeit oder den Einfamilienhäusern in der Ebene und an den Hängen.

Auf den Inseln ist die Stadt, wie sie einmal war: ein mehr oder weniger chaotisches Nebeneinander aller möglichen Dinge und Tätigkeiten. Diese Mischung ist das ureigene Wesen der Stadt – besser gesagt: war es. Bis die moderne Planung kam und fand, dass die Mischerei ungesund sei. Sie trennte die Industrie vom Wohnen, die Freizeit vom Verkehr und wies allem und jedem sein eigenes Plätzchen zu. Nach dem Strukturwandel der letzten zwanzig Jahre, durch den die Industrie aus der Stadt verschwand, brauchen wir diese Trennung nicht mehr. Es gibt keinen Schmutz mehr in Zürich.

Viele der neuen Inseln entstehen übrigens dort, wo schon im 19. Jahrhundert die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden: an den Bahnhöfen und Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs. Als vor über hundert Jahren nördlich des Milchbucks die Schienen verlegt wurden, wollte Schwamendingen keinen Bahnhof; das war den Dorfbewohnern zu laut und zu hektisch. Die Folge ist bekannt: Neben dem Bahnhof Oerlikon, der in eine damals leere Ebene gestellt wurde, entstand eine kolossale Industrie-Insel. Heute entstehen die Inseln in Schlieren, Wallisellen, Opfikon oder am Flughafen. Der Archipel bildet sich von selbst. Jetzt braucht es nur noch den Mut, die Inselwelt zu gestalten.