Ein Restaurant am Steindamm, umringt von Spielhallen und Erotikshops. Unten drehen sich Dönerspieße, im ersten Stock setzen sich drei Männer an einen Tisch: Sven Villnow, 53, Inhaber der Engel Apotheke, seit 1996 am Steindamm. Hanifi Tobrak, 42, Besitzer des türkischen Imbiss Batman, den er von seinem Vater übernommen hat. Und Hartmut Sebold, 66, dem hier zahlreiche Immobilien gehören – unter anderem ist er Vermieter von Villnow und Tobrak. Wir wollen mit ihnen über den Steindamm sprechen, jene Straße westlich des Hauptbahnhofs, die vieles gleichzeitig ist: Basar, Ausgehmeile, Straßenstrich und Umschlagplatz für Drogen.

DIE ZEIT: Liest man die Hamburger Boulevardzeitungen, könnte man denken, wir säßen hier am Eingang der Unterwelt. "Straße des Schreckens" nannte die Mopo den Steindamm, die Bild bezeichnete ihn erst als "Slum", dann als "Vorhof zur Hölle". Ist es wirklich so schlimm?

Sven Villnow: Solche Schlagzeilen verkaufen sich gut, und es stimmt: Die Motive findet man am Steindamm leider schnell. Wenn Kunden zu uns in die Apotheke kommen, sind sie oft erschrocken von den Gestalten, die sie auf dem Bürgersteig getroffen haben. Meist sieht es aber schlimmer aus, als es ist. Man kann hier durchaus um 22.30 Uhr noch ohne Gefahr nach Hause gehen.

ZEIT: Nervt Sie der Ruf des Steindamms?

Hanifi Tobrak: Mich nervt etwas anderes viel mehr: Auf dem Kiez haben sie ein Flaschenverbot eingerichtet und damit auf Probleme reagiert. Als Gewerbetreiber am Steindamm muss ich sagen: Bei uns wird jede Menge Gewerbesteuer kassiert, aber nichts gemacht. Wir werden vergessen.

Hartmut Sebold: Dem Steindamm fehlt eine ordnende Hand. Hier wird aggressiv gebettelt, richtig organisiert, und die Polizei macht fast nichts.

Tobrak: Es gibt zum Beispiel eine Gruppe von Afghanen. Die stehen ständig rum und sprechen Menschen an: Ich habe Hunger, kaufst du mir einen Döner? Derselbe Mann kommt dann zehnmal am Tag in meinen Laden und lässt sich von Touristen einen Döner kaufen.

ZEIT: Freuen Sie sich nicht über das Geschäft?

Tobrak: Die Sache ist: Der verkauft die Döner weiter. Das sind Menschen, die andere Menschen stören, die betrügen. Da muss die Polizei ihre Präsenz erhöhen. Angeblich haben wir eine der größten Wachen Hamburgs, aber man sieht zu wenig Polizisten auf der Straße.

Es geht unter, was gut läuft
Sven Villnow

Sebold: Die Politik versagt, weil sie das Pferd von der falschen Seite aufzäumt. Neulich wurde bewogen, einen Spielplatz an der Danziger Straße zu schließen, weil zu viele Drogenbestecke darin gefunden wurden. Statt für bessere Verhältnisse zu sorgen, machen die so einen Vorschlag! Die AfD hat im Viertel ordentlich gepunktet, da muss man sich nicht wundern – einige Leute haben die Schnauze voll. Auch weil Drogen ein Problem sind. Jeden Morgen treffen sich auf dem Hansaplatz die Drogenleute mit ihren Dealern und machen Geschäfte.

ZEIT: Mitten auf dem Platz?

Sebold: In den Hauseingängen. Fast jeden Morgen rufe ich morgens um vier oder fünf Uhr die Polizei an. Manchmal kommt sie und nimmt die Personalien auf. Fünf Minuten später fängt alles von vorn an. Hinzu kommt, dass einige Drogenabhängige wie entfesselt durchs Viertel rennen, sie laufen auf Passanten zu und erschrecken Touristen. Die kommen dann mit zitternden Händen in meine Hotels und fragen: Was ist in diesem Viertel los?

ZEIT: Herr Villnow, bekommen Sie diese Probleme in Ihrer Apotheke auch zu spüren?

Villnow: Hin und wieder kommt ein Bettler rein, oder es bleibt mal einer vor der Apotheke stehen und pöbelt. Dann sorge ich dafür, dass der weitergeht. Das funktioniert gut. Schade ist, dass der Steindamm so einen schlechten Ruf hat. Es geht unter, was gut läuft. Die Vielfalt der Menschen ist großartig. Allein in meiner Apotheke bieten wir Beratungen auf Persisch, Türkisch, Englisch, Französisch und Arabisch an.

Sebold: Und was ist mit Plattdeutsch?

Villnow: Auch das können wir, wir sind international aufgestellt! Häufig kommen Menschen zu uns, die ihren Arzt so schlecht verstanden haben, dass wir erst mal alles erklären müssen.

ZEIT: Hatten Sie in all den Jahren mal das Gefühl: Mir reicht’s, ich haue ab?

Villnow: Nö. Es gibt mal Stress, aber das gehört dazu. Anstrengend wird es nur dann, wenn viele da sind, die die Gepflogenheiten von St. Georg nicht kennen. Das ist meist in den Sommermonaten der Fall.

ZEIT: Was sind die Gepflogenheiten von St. Georg?

Villnow: Dass man sich gegenseitig akzeptiert, dass ich gerne mit jedem auf Augenhöhe umgehe, aber mich nicht bescheißen lasse. Diese Ehrlichkeit der Menschen schätze ich sehr.

ZEIT: Haben Sie die Lage in Ihrem Laden auch so gut im Griff, Herr Tobrak?

Tobrak: Ich bin seit April 1993 am Steindamm, ich sag mal so: Ich kenne meine Pappenheimer. Die haben Respekt vor mir.