Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

Wir sitzen an einer langen Tafel im Freien. Wir? Jedenfalls bin ich stolz, dazuzugehören, ein erlauchter Kreis, ein langer, weiß gedeckter Tisch auf einem kahlen Hochplateau mit weitem Blick. Graublauer stürmischer Himmel über weitem Meer. Eine prächtige Kulisse. Aus der Ferne jagt ein Heißluftballon heran, der bei diesem Sturm nicht unterwegs sein sollte, schräg liegt er in der Luft und wird vom Sturm gefleddert, vor unseren Augen lösen sich die Stoffbahnen von einem Skelett, das es bei diesen Ballons eigentlich nicht gibt. Selber schuld, sagt es in mir. Wir hören den flatternden Stoff, wir sehen, wie die Insassen hilflos immer schneller sinken, wir hören ihre Schreie. Ein mutiger Ballonfahrer schnappt sich so eine mit Stoff befledderte Leiste und segelt damit allein los, ähnlich einem Gleitsegler. Die anderen stürzen dem Meer zu und aus unserem Blickfeld, er aber schießt mit seiner Flatterstange über uns hin, wendet, kippt und landet bäuchlings auf unserer Tafel ...

In Träumen, heißt es, generieren die Emotionen sich passende Bilder. Nach dem Erwachen staune ich über mein distanziertes Zuschauen, als säße ich in einem Freilichttheater: Die da jetzt vor unseren Augen abstürzen, sind an ihrem Elend selbst schuld und müssen allein damit klarkommen, ich kann sie nicht retten, ich kann ihnen nicht helfen. Auch den mutigen Ausreißer sah ich als Verlorenen, noch als er schreiend über uns hinstürzte, fühlte ich: Armer Kerl, ich kann nichts für dich tun. Ich empfand keine Spur von Mitleid, wünschte nur, er möge meinem Blick entschwinden, bevor er sich irgendwo totstürzt. Als er dann auf meinen Teller krachte, wurde mir die Sache doch peinlich.

Die Sache: meine Haltung. Ich erwache und schäme mich meines Unbeteiligtseins. Nicht entsetzt, erschüttert, nicht mal erschrocken, sondern leicht amüsiert hab ich zugeschaut, als wären die Ballonfahrer eine Truppe tollkühner Artisten, der Ausreißer ein Clown und die ganze Szene beim Partyservice bestellt.

Ich schäme mich dafür, wie gut es tat, zum erlauchten Kreis auf dem Bergplateau zu gehören, wie ich hoffte, die Luftbrüchigen würden nur bald verschwinden hinter dem Berggrat, wie ich hoffte, der Ausreißer würde nur bald am nächstbesten Felsvorsprung zerschellen. Ich erinnere mich an meinen Wunsch, die drohende Störung möge sich nur rasch erledigt haben, auf welch katastrophale Art auch immer. Die Katastrophe möge nur rasch ihren Lauf nehmen und uns nicht behelligen. Und eben weil ich es mir so heftig wünschte, nicht beteiligt zu sein, kam dieser eine direkt auf mich zugeflogen. Als wäre er ein Bote meines Gewissens. Als wär ich doch nicht fähig, so hundskalt zuzuschauen.