DIE ZEIT: Herr Bude, 1968 wird glühend verteidigt und heiß bekämpft. Niemand bezweifelt, dass es etwas bedeutet – aber was?

Heinz Bude: 1968 war die letzte heiße Revolution und die erste coole Revolte. Die SDS-Fraktion um Rudi Dutschke hat sich mit der Wiederbelebung von versäumten Augenblicken aus jenen zwanziger Jahren mit Büchern wie Geschichte und Klassenbewußtsein von Georg Lukács oder den geschichtsphilosophischen Thesen von Walter Benjamin ein heißes Gefühl verschafft. Aber das wäre ein kleiner Zirkel geblieben, hätte es nicht die vielen Zwanzigjährigen gegeben, die von einer ungeheuren Sehnsucht nach Welt bewegt waren. Raus aus der Grube der fünfziger Jahre, weg von den Küchentischen mit den abwaschbaren Gummitischdecken. 68 war vor allem das irre Durchstarten von Leuten, die nicht wussten, was sie wollten und wer sie waren.

ZEIT: Sie schreiben seit Jahren an einem "Familienroman der Bundesrepublik", zuerst über die "Flakhelfer-Generation" der um 1926 Geborenen, dann über die Achtundsechziger. Was steckt hinter diesem Konzept "Familienroman"?

Bude: Im Grunde steckt dahinter meine eigene biografische Erfahrung. Ich habe zwei Brüder, die beide im Krieg auf Fronturlauben gezeugt wurden; der eine ist 1940 geboren, der andere 1944. Sie sind eigentlich Achtundsechziger, auch wenn sie mit der Bewegung gar nichts zu tun hatten, denn der eine war Fernfahrer und der andere Schreiner. Mein Vater ist 1911 geboren, kam als Pfadfinder noch aus der Jugendbewegung, hat 1939 als Endzwanziger erst den Überfall auf Polen und dann den "Frankreichfeldzug" mitgemacht und ist dann bis 1950 in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Meine Mutter, die aus einem ambitionierten katholischen Eisenbahner-Elternhaus kam und mit den beiden Kindern im Emsland auf einem Bauernhof als Helferin in der Küche evakuiert war, ist Jahrgang 1918, das ist der von Helmut Schmidt. Ich bin 1954, im Jahr des "Wunders von Bern", geboren. Ich war sozusagen das Versprechen des Neuanfangs für die Ehe meiner Eltern wie für die gesamte Familie. Die Geschichte meiner Familie ist irgendwie auch die Geschichte der deutschen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg und dem exekutierten Völkermord. An dieser Geschichte kann man sich wie in den Heimat-Filmen von Edgar Reitz den Weg vor Augen führen, wie sich eine Gesellschaft aus einem kollektiven Wahnsinn heraus über eine Reihe von Brüchen zwischen den Generationen zum heute wirtschaftlich stärksten und vielleicht politisch mächtigsten Land Europas entwickelt hat.

ZEIT: Sie standen den Achtundsechzigern ursprünglich einigermaßen reserviert gegenüber – das neue Buch dagegen ist offen für die Melancholie, die Depression, das Scheitern der Protagonisten. Wie kamen Sie von A nach B?

Bude: Ich habe mich gefragt, wie man das Leben einer Kohorte von Kriegskindern verstehen kann, die zwischen Ruinen aufgewachsen sind und dann als Jugendliche den Aufstand probten. Eine 1940 Geborene läuft im Oktober 1944 am späten Abend als fast Fünfjährige zusammen mit ihrer Schwester an der Hand ihrer Mutter beim Umsteigen vom Bahnhof Friedrichstraße zum Anhalter Bahnhof durch das zerbombte Berlin und hat das Gefühl, durch die Hölle zu gehen. Sie wird dann zu einer bekannten Feministin, die keinen Zweifel daran lässt, dass Frauen in dem Maße zu Mittätern werden, wie sie die gegenwärtige Zeit nicht erfassen. Ich habe gelernt, eine Generation zu verstehen, die 1968 auf der Suche nach jemandem war, der sie auf ihrem Weg aus der Hölle begleiten könnte. Deshalb heißt das Buch Adorno für Ruinenkinder.

ZEIT: Bedeutet das nicht, die Bewegung zu entpolitisieren? Landläufige Interpretationen lauten doch: Die Achtundsechziger haben die Verwestlichung und Demokratisierung der Bundesrepublik vollendet, die sexuelle Liberalisierung in Gang gebracht und vor allen Dingen dafür gesorgt, dass der Völkermord an den Juden zum Thema gemacht wurde.

Bude: Das alles glaube ich überhaupt nicht. Die sexuelle Liberalisierung hat viel früher angefangen, mit Hildegard Knef, mit der Zeitschrift Constanze und mit der Kunstflugpilotin Beate Uhse, mit dem, jedenfalls dem Jahrgang nach, Flakhelfer Oswalt Kolle. In den Interviews, die ich mit Protagonisten der Bewegung gemacht habe, spielt das Thema Sexualität überhaupt keine Rolle. 1968 hat das, was da längst im Gang war, eigentlich eher erschwert, indem es so philosophisch aufgeladen und zum Prinzip erhoben wurde. Gerade die Männer, mit denen ich gesprochen habe, waren da eigentlich eher verklemmt. Auch die Demokratie als Verfahren zur Ermittlung des Volkswillens haben die Achtundsechziger im Grunde eher verachtet. Man liebte die Revolution, nicht die Demokratie. Und selbst Auschwitz war 68 kein Thema. Oder nur sehr indirekt, wie in dem Diktum von Max Horkheimer: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, der sollte auch vom Faschismus schweigen."

ZEIT: Es gibt das berühmte Foto von der Kommune I, die sich nackt, wie vor einem Erschießungskommando, an die Wand gestellt hat. Man hat darin eine unbewusste Identifikation mit den Opfern der Nazis gesehen, so wie man auch die Literatur der jüdischen Remigranten verschlang: Adorno, Horkheimer, Marcuse. Auf verquere Weise habe man sich so die Schuld der Väter vom Hals gehalten. Andere Autoren wie Götz Aly sind dann noch weiter gegangen und haben die Achtundsechziger gleich selbst mit den Nazis verglichen.

Bude: Ich weiß nicht. Man kann in dieses Bild auch zu viel hineininterpretieren. Die Kommune I war die Happeningfabrik der frühen Apo. Eine Parade der Nackten. Vier Männer, drei Frauen stehen mit dem Rücken zur Kamera vor einer weißen Wand. Nur der kleine Junge ganz rechts an der Seite schaut zurück und fragt sich offenbar, was hier vor sich geht. Der Trick besteht doch darin, dass die sich wehrlos machen und dadurch das Bild in der Hand haben. Die Person mit der Kamera, die unbedingt auf Bilder aus war, konnte nur noch abdrücken. Die 68er-Methode besagt hier: Man tut was ganz anderes und hält dadurch die Fäden in der Hand.