"Mit Rechten reden" – das war nicht umsonst einer der großen Bucherfolge der vergangenen Monate. Nachdem es nicht gelungen war, die AfD aus dem Bundestag herauszuhalten, blieb ja auch nicht viel anderes übrig: Man sitzt sich nun im Plenarsaal misstrauisch gegenüber – und muss reden. Worüber und zu wessen Bedingungen, das wird ständig aufs Neue ausgehandelt. Nur eins ist jetzt schon klar: Diese Begegnung wird alle Beteiligten verändern.

Offiziell sind sich die meisten Abgeordneten der "Altparteien" einig: keine Sonderbehandlung für die AfD. Sie soll an allem beteiligt werden, überall dabei sein, mit denselben Rechten und Pflichten wie die anderen auch. Das ist nur sportlich und fair.

Doch das wird auch permanent unterlaufen – aus guten und aus nicht so guten Gründen. Es begann damit, dass die Gepflogenheit beseitigt wurde, den ältesten Abgeordneten die Eröffnungsrede halten zu lassen, um zu verhindern, dass es der AfD-Mann von Gottberg tut. Eine unwürdige Trickserei, die der AfD den ersten Auftritt in der Sparte "ausgegrenzt und angespuckt" verschaffte. Es war kein guter Grund, dass Wilhelm von Gottberg zuvor ekelhafte Dinge über den Holocaust gesagt hatte. Während seiner Rede hätten Abgeordnete den Saal verlassen oder etwas Schlagendes entgegnen sollen. Stattdessen verhinderten die Abgeordneten seinen Auftritt ganz und bestätigten damit das schäbige Bild, das "da draußen" viele von der Politik in Berlin haben.

Dann stimmte, dreimal hintereinander, eine überwältigende Mehrheit der Abgeordneten gegen Albrecht Glaser als AfD-Kandidaten für das Amt eines der Vizepräsidenten des Bundestages. Glaser hatte zuvor sinngemäß gesagt, einer Religion wie dem Islam, die keine Religionsfreiheit gewähre, dürfe man auch in Deutschland keine zugestehen. Statt sich der Diskussion mit diesem Mann zu stellen – einer Diskussion, die ebenso interessant wie "gewinnbar" gewesen wäre –, wich man ihr aus. Gleiches gilt für den Berliner Staatsanwalt Roman Reusch, den man bei der Wahl ins Parlamentarische Kontrollgremium durchfallen ließ, weil er Intensivstraftäter des Landes verweisen will. Die AfD theoretisch einbinden wollen, aber praktisch nicht mitspielen lassen? Das geht nicht.

Diese Woche wurden die Kandidaten für die Vorsitze der 23 Ausschüsse des Bundestags nominiert, demnächst sollen sie von den Ausschüssen "ernannt" werden. Lange bevor die AfD überhaupt den Finger gehoben hatte, wurde entrüstet mobilgemacht: Auf keinen Fall dürfe ein AfD-Mann wie der Rechtsintellektuelle Marc Jongen, den Vorsitz des Kulturausschusses bekommen. Jongen ist der Meinung, unsere Erinnerung kreise zu sehr um die Nazi-Diktatur, und zu wenig um all das, was Deutschland sonst noch so war. Man mag das gefährlich finden oder falsch. Doch eine Entgleisung, wie manche meinen, ist es nicht.

Andererseits: Niemand kann einen Abgeordneten zwingen, einen expliziten Rassisten, Holocaust-Leugner oder verurteilten Hooligan-Unterstützer wie Sebastian Münzenmaier seine Stimme zu geben. Am Dienstag hat sich die AfD entschieden, den Vorsitz im Haushalts-, Rechts- und Tourismus-Ausschuss (Münzenmaier) zu beanspruchen. Für den Rechtsausschuss ist der Thüringer Anwalt Stephan Brandner vorgesehen. Er hatte bei einer Wahlkampfveranstaltung gesagt, eine typische syrische Familie bestehe für ihn aus "Vater, Mutter und zwei Ziegen". Wer so rassistisch daherredet, will Probleme lieber anschreien, als sie mit anderen zu diskutieren und zu lösen. Ist das der Krieg, den Alexander Gauland den anderen Parteien angekündigt hat?

Die AfD hätte Ersatz. Es gibt in ihren Reihen Leute, mit denen man reden kann und muss: über die Euro-Rettung, über die Auslandseinsätze, über Flüchtlingspolitik und Integration, über Hass im Internet und Zensur. Viele Abgeordnete berichten enthusiastisch darüber, wie die Gegenwart der AfD (und der FDP) sie ganz neu herausfordert, Leben in die Bude bringt, einen zwingt, gemütlich festgezurrte Ansichten ganz neu zu begründen. Damit das funktioniert, müssen beide Seiten aus der Komfortzone treten: Die AfD muss satisfaktionsfähige Vertreter schicken – und der Rest muss den Fehdehandschuh dann auch ohne Tricksereien aufnehmen.