Wenn das Mädchen etwas schwört, kreuzt sie hinter ihrem Rücken die Finger. Sie nennt das "Aberden". Es meint: Von dem, was sie für andere sichtbar sagt, wird keine Bindung ausgehen, denn es gibt einen Bereich, den niemand sieht, der liegt hinter ihrem Rücken, und dort kann sie wie ein Blitzableiter alles ableiten, was ihr von außen zustößt. Diese kindliche Geste kann etwas Befreiendes haben. Sie kann aber auch Ausdruck der Verlassenheit sein. Worte und Schwüre verbinden mit anderen Menschen. Wer die Verbindlichkeit seiner Worte immer "aberdet", der hat die Hoffnung aufgegeben, anderen vertrauen zu können. Je weiter man in der Lektüre von Angelika Klüssendorfs Roman Jahre später fortschreitet, desto mehr zwängt sich einem die düstere Lesart auf: Nur der einsame Mensch erdet ab.

2011 erschien der Roman Das Mädchen von Angelika Klüssendorf. Die Autorin, Jahrgang 1958, in der DDR aufgewachsen und 1985 in den Westen übergesiedelt, erzählt darin von einer Kindheit, die an Lieblosigkeit kaum zu übertreffen ist: Der Vater Alkoholiker, die Mutter gewalttätig, schlägt die Tochter, die die Schläge an ihren Bruder weitergibt. Schließlich kommt das Mädchen in ein Kinderheim. 2014 folgte der Roman April, denn mittlerweile trägt die Protagonistin, nach einem Song von Deep Purple, diesen Namen. Sie hat das Heim verlassen, lebt zur Untermiete in Leipzig, arbeitet als Bürohilfskraft, wird selbst überforderte Mutter und entdeckt das Schreiben für sich.

Jahre später heißt nun der dritte Teil von Angelika Klüssendorfs beeindruckendem Roman-Zyklus, der nicht viel Worte machen muss, um die Bodenlosigkeit der Existenz auszuloten, denn die Bilder, die Klüssendorf wählt, sind prägnant und scharf wie ein Messer, das lautlos durchs Fleisch schneidet. Man liest nicht oft Romane, in denen der Verfasser so unerbittlich mit seiner Hauptfigur ins Gericht geht. Und das, obwohl es in diesem Roman eine zweite Figur gibt, deren Abgründigkeit die der Protagonistin noch übertrifft. Doch das rechnet die Autorin April nie als entlastenden Umstand an.

Die Mauer ist gefallen, als April den Chirurgen Ludwig kennenlernt. Dieser genießt in seinem Fach einen Ruf wie Donnerhall. Er ist ein schräger Vogel, eindeutig unspießig, aber sein Dominanzstreben ist stark, er ist groß darin, Drohkulissen aufzubauen und andere zu demütigen. Er macht April den Hof, er will sie beeindrucken mit seinen persönlichen Verbindungen zu berühmten Schriftstellern wie Samuel Beckett. Obwohl Ludwig so anders ist als April und aus dem Westen kommt, liebt er den Osten, wenn auch aus anderen Gründen als April: Für sie ist es Kindheits-, für ihn Geschichtslandschaft. Er muss alles mit Bedeutung aufladen.

Irgendetwas zieht April hin zu Ludwig, sie vertraut ihm vielleicht gerade deshalb, weil er in so auffallender Weise vertrauensunwürdig ist mit seinen Aufschneidergeschichten, die oft so hanebüchen sind, als ginge es nur darum, die dröge Schwerkraft des Wirklichen zu überwinden. Sein Bruder sei ein hohes Tier bei der Nato, er dürfe sich nur an geheimen Orten mit ihm treffen, sie, April, solle ihn nie erwähnen: "April schwört, was nichts bedeutet, sie schwört seit ihrer Kindheit und erdet ab, indem sie die Finger hinter ihrem Rücken kreuzt."

Ludwig liebt den Schabernack, so wie dies manipulierende Hochstapler tun. Einmal schreibt er Frau Ernste, einer ständig meckernden Nachbarin von April, indem er sich als geheimnisvoller Japaner ausgibt: "Bitte Frau Ernste uns nicht verfluchen. Bin sehr reich und alle tot, aber studiert in Berlin. Nie nix verstanden, aber gute bockige Wurst an Halle gern verspeist. Möchte mich Frau Ernste hier besuchen? Scheißreich, aber anständig."

Der Lügenbaron, der die Manipulierbarkeit der Menschen durchschaut, und die Aberderin, die unter der Knute unkalkulierbarer Gewalt aufwuchs – auf eine unheimliche Art, nämlich in ihrem je eigenen Abstand zur Welt, scheinen sie gut miteinander zu funktionieren. Sie heiraten und haben ein gemeinsames Kind.

Romane autobiografisch zu lesen ist ein philologisches Tabu. Und doch ist kein Leser menschlich so erhaben, nicht hinter Romanfiguren nach realem Erfahrungssubstrat zu suchen. Angelika Klüssendorf, das ist allgemein bekannt und steht auch in ihrem Wikipedia-Eintrag, war in den neunziger Jahren mit dem 2014 verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher verheiratet, eine Überfigur der deutschen Medienlandschaft, der abwechselnd als Kindkaiser, Caligula, Feuilleton-Neuerfinder und prophetischer Welt-Interpret galt. Doch ist Jahre später ein so streng komponiertes Buch, dass es psychologische Urmuster darstellt, ohne je voyeurhaft oder indiskret zu werden.

"Sie hat längst begriffen, Ludwig muss den Grund unter sich in einen brodelnden Abgrund verwandeln und das Gefühl haben, der Sturz sei unausweichlich, wie ein Spieler, der blufft, obwohl alles verloren ist. Eine letzte Gemeinsamkeit, die sie teilen. Auch April muss die Seile kappen, auf denen sie sich wie eine Seiltänzerin bewegt, ohne nach unten zu schauen, sie muss alles zerstören, sodass es kein Zurück mehr gibt und sie sich im vertrauten Elend einrichten kann." Das vertraute Elend kommt, als sich beide nach Jahren auseinandergelebt haben. Nun beginnt ein Scheidungskrieg, in dem April Ludwig nicht mehr wiedererkennt. Natürlich hatte sie das Dämonische an ihm schon früher beobachtet, aber hatte es als eine Exzentrizität gedeutet, die zu ihrer eigenen Weltverlassenheit passte. Jetzt muss sie begreifen: "Was Ludwig seinen Feinden antut, kann er auch seinen Freunden antun, er muss sie nur zu seinen Feinden erklären." April wird es überstehen, aber vermutlich nur, weil ihr in ihrem Leben schon viel bitterer eingeschenkt worden ist.

Angelika Klüssendorf: Jahre später. Roman; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018; 160 S., 17,– €, als E-Book 14,99 €