Mit der Flüchtlingsdebatte verhält es sich so: Je lauter sie geführt wird, umso leichter überhört man, was wirklich wichtig ist. Anfang Januar zum Beispiel sagte Manfred Weber, stellvertretender CSU-Chef, auf der Klausurtagung seiner Partei am Chiemsee einen Satz, der großen Widerhall fand: "Im Jahr 2018 ist das zentrale europäische Thema die finale Lösung der Flüchtlingsfrage." Weber sprach über den Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge in Europa, aber weil viele, die das hörten, sich an den Ton der Wannseekonferenz erinnert fühlten, folgte, was folgen musste: ein Shitstorm. Ausländische Medien berichteten. Intellektuelle zeigten sich besorgt. Twitter drehte durch: Nazi! Geschichtsvergessen! Wer so spricht, will auch das tausendjährige Oktoberfest! Patrona Bavariae geht kotzen!

Die Öffentlichkeit hatte sich noch nicht beruhigt, da legte ein anderer Politiker nach. Herbert Kickl, österreichischer Innenminister und bekannt für seine Zwischenrufe von rechts außen, schlug Mitte Januar vor, Asylbewerber künftig "konzentriert an einem Ort zu halten". Auch das weckte böse Erinnerungen. Und löste den nächsten Shitstorm aus.

Es dauerte eine Weile, bis wieder Stille herrschte. Die aber war umso bemerkenswerter, weil sie genau in jenen Tagen einkehrte, in denen ein Satz an die Öffentlichkeit drang, der viel weitreichendere Folgen haben dürfte als die Worte von Weber und Kickl. Er fiel nicht am Chiemsee, sondern in Berlin, wo die Unionsparteien und die SPD am Verhandlungstisch saßen und nach nächtelangem Ringen ein Sondierungspapier vorlegten.

Der Satz steht auf Seite 21 des Papiers, er besagt, dass Asylbewerber künftig in sogenannten Ankunfts- und Rückführungszentren wohnen sollen. Das sind Heime mit mehreren Tausend Bewohnern, in denen die Menschen bis zu zwei Jahre lang leben müssen. In den bayerischen Städten Bamberg und Manching gibt es solche Zentren schon. Nach dem Willen von Union und SPD sollen sie künftig in ganz Deutschland eingerichtet werden. Aus der Politik der dezentralen Unterbringung, um die sich viele Städte und Gemeinden in den vergangenen Jahren bemüht haben, würde dann eine Politik der Massenlager. Herbert Kickl würde sagen: eine Politik der Konzentration.

Und diese Politik wird Folgen haben – für die Flüchtlinge und für die deutsche Bevölkerung.

Spricht man in diesen Tagen mit Menschen, die sich persönlich um Asylbewerber kümmern, mit ehrenamtlichen Helfern also, die ihnen Deutsch beibringen, mit Arbeitgebern, die ihnen Jobs verschaffen, oder mit Mitarbeitern von Sozialeinrichtungen, die ihnen Unterkunft und Beratung bieten, stößt man überall auf dieselbe Sorge. Viele von ihnen fürchten, dass eine künftige große Koalition die Integration der Flüchtlinge nicht fördern, sondern erschweren wird: Weil die Menschen, die in Massenlagern wie Manching und Bamberg wohnen, nicht arbeiten dürfen. Weil ihre Kinder nicht auf reguläre Schulen gehen. Weil es in der Umgebung kaum deutsche Nachbarn gibt, dafür aber jede Menge abgelehnte Asylbewerber.

Denn die Lager sind nicht nur Ankunfts-, sondern auch Rückkehrzentren. Das heißt: Asylbewerber mit guten Chancen auf einen Schutzstatus leben monate-, manchmal jahrelang Tür an Tür mit Aschiebekandidaten, die sich längst aufgegeben haben. "Integrationsfeindlich" sei diese Art der Unterbringung, sagt Ruth Weinzierl, Asylexpertin der Diakonie, eines der großen Sozialträger, die in Deutschland Flüchtlingsheime betreiben und Asylbewerber beraten. "Es geht den Parteien offensichtlich nicht um Integration, sondern vor allem darum, dass möglichst viele Menschen ausreisen, und zwar um jeden Preis."