Zwei Ausstellungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und die sich doch wunderbar ergänzen. Hier wie da, im staatlichen Bode-Museum Berlin wie im privaten me Collectors Room, zeigt sich, wie fremd das Europäische, insbesondere das Mittelalter, sein kann und wie vertraut das Fremde. Hier wie da verwischen die Grenzen. Wir und sie verflechten sich miteinander, bis hin zu der Frage, ob es Europa je gegeben hat. Und wenn, dann wo?

"Unvergleichlich" heißt die Schau im Bode-Museum, und sie ist es tatsächlich. Wo sonst bekommt man ein Cross-over afrikanischer und europäischer Skulpturen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert geboten, in dem ein nigerianischer Leopard neben einem niedersächsischen Löwen steht und eine mit Nägeln gespickte Figur aus dem Kongo neben einer sanftäugigen Schutzmantelmadonna aus der Gegend um Ulm?

Nicht aber den Kontrast, dafür das Gemeinsame will die Ausstellung herausarbeiten: dass es überall und seit Jahrhunderten Verflechtungen gebe, die uns mehr verbinden als trennen.

Überraschend, weil fast identisch, sind die beiden Raubkatzen, hier Leopard, da Löwe, die nicht nur beide dem Wunsch gehorchen, die Schönheit und Kraft dieser Tiere zu zeigen, sondern auch beide als Aquamanile gefertigt wurden. Diese Wassergefäße stammen aus dem Mittleren Osten. Wahrscheinlich sind sie von dort im 12. Jahrhundert über Spanien nach Westeuropa gekommen. Sie spielten in der christlichen Liturgie eine zentrale Rolle, daneben wurden sie in herrschaftlichen und privaten Haushalten bei Festessen zum Waschen der Hände gereicht.

Der niedersächsische Löwe ist aus Bronze, sein Körper glatt, seine Mähne im strengen Rautenmuster geordnet, die Ohren sind wie kleine Blätter aufgelegt. Auf der Brust trägt er ein Feld, auf dem ursprünglich ein Wappen zu sehen war, auf dem Rücken ein schmales, langes Fabeltier, das als Henkel dient.

Der Leopard stammt aus Benin, sein Körper ist über und über punziert, was dem Fell ein fast lockiges Aussehen gibt. Die Fangzähne sind deutlich herausgehoben, ebenfalls der schmale, athletische Körper und die Ohren, die wie beim niedersächsischen Löwen aussehen, als seien sie zum Schmuck auf den Kopf appliziert. Vom 15. bis zum 19. Jahrhundert war Benin ein wichtiger Knotenpunkt für den Handel zwischen Europa und Afrika. Gewürze, Elfenbein und Sklaven gingen in den Norden; im Gegenzug gelangte Messing, aus dem auch der Leopard gefertigt ist, in den Süden. Der Handel endete, als britische Soldaten 1897 das Königreich verwüsteten. Wie fast die gesamte Einrichtung des Königspalastes in Benin gelangte auch das hier gezeigte Leoparden-Aquamanile als Raubkunst nach Europa.

Während im Bode-Museum Tier- und Menschenkörper im Mittelpunkt stehen, geht es im me Collectors Room hauptsächlich um die australische Landschaft. Dort, in Down Under, ist die Malerei seit Menschengedenken dem Wissen über das Land verpflichtet. Ein geheimes Wissen, das keineswegs jedem und vor allem nicht Zugereisten anvertraut wird. Bilder der Aborigines sind codiert: Wir sehen eine Art Camouflage, die zur Zeit ihrer Entdeckung durch europäische Sammlerinnen und Sammler im 19. Jahrhundert als Muster und damit als Dekoration missverstanden wurden.