Eine Fahrt mit dem Flixbus über die Alpen für 15,90 Euro lässt sich kaum toppen. Von Meran führt der Weg ganz ohne Tunnel in grandiosen Kurven und durch verschneite Wälder dahin. Die Skipisten in der Ferne sehen wie Götter-Rodelbahnen aus. Den maximalen Kontrast dazu bietet ein Defilee auf der Berliner Fashion Week. Hier kneift man die Augen nicht glänzender Schneekristalle wegen zu, sondern vor lauter Spotlights, die den Besucher in der Dunkelheit für die Gesellschaftsberichterstattung ausleuchten.

Vor den Toren des E-Werks in der Wilhelmstraße laufen Models in schwarzer Spitze und hautengen Leggins über einen LED-Screen. Vor einer Stellwand werden willige Gäste abgelichtet. Die Kavaliere müssen die Mäntel halten, während ihre Begleiterinnen in der nasskalten Luft fröstelnd mit lockeren Posen kämpfen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die #MeToo-Debatte die Modewelt noch nicht erreicht hat. Trotz jüngster Recherchen der New York Times, die nach Terry Richardson zwei weitere Modefotografen des Missbrauchs verdächtigen, bleiben der Laufsteg und sein Umfeld eine Festung des Voyeurismus. Obwohl es eine Tendenz zu straßentauglicherer Mode gibt, ist von Zuckerbäckerfigurinen bis Bondage in Berlin alles dabei, was den Körper zum Phantasma macht.

Im E-Werk indessen herrscht Verwirrung. Es gibt keine Platzkarten, die Menge hat sich auf Rängen und Runway verteilt. Sie befindet sich in dem für die Modewelt typischen Aggregatzustand der Zähflüssigkeit. Es wird pausenlos fotografiert, alle sind benommen und sich ihrer technischen Reproduzierbarkeit peinlich bewusst. Die Defilee-Einladung kommt von Bogner, dem Sportmodenhaus, dessen Kataloge den aktuellen Modellen gern die alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus Willy Bogners aktiver Zeit als Skisportler zur Seite stellen und damit vor allem Sehnsucht nach Kleidern auslösen, die es nicht mehr gibt. Doch an diesem Abend, als endlich klar wird, dass die Models nicht über den Laufsteg schreiten werden, dürfen alle Nostalgiegefühle jubeln. Denn die zünftigen Burschen und Mädchen, die sich vor einer Projektionswand mit rasanten Retro-Pistenaufnahmen präsentieren, tragen Tweedjacketts und geräumige Wollhosen, Filzmäntel, Lammfellparkas, pelzgefütterte Fliegerjacken, Anoraks und Cord. Dass sich Hightech und Neonfarben in die Kleiderschichten mischen, macht sie nur glaubwürdiger und erinnert vage an Fotoreportagen aus Tibet oder der Mongolei. Die Skihelme und Schneebrillen, Schnürstiefel und Fußlappen gleichenden Moonboots transportieren nicht nur die majestätischen Alpen nach Berlin, sie injizieren dem zeitgeistverliebten Hauptstadtgeschmack auch eine Dosis immunisierender Souveränität.

Und die scheint gerade der nächste Trend zu sein. Klassisch und zeitlos sind keine Schimpfwörter mehr. Die Zukunft der Mode verlangt Relevanz. Vielleicht braucht es diesen Schritt zurück, um den Pornochic der vergangenen Jahrzehnte zu überwinden. Es fühlt sich gut an, in Zeiten zurückzukehren, als es nicht für jede menschliche Aktivität Spezialkleidung gab und man die Garderobe für den Winterurlaub zusammenstückelte. Das Geschlecht war nicht so wichtig, wenn man beim Rodeln nicht frieren wollte. Und fotografiert hat einen dabei höchstens Willy Bogner, der als Kameramann auf Skiern auch in James-Bond-Filmen zum Einsatz kam. Prada hat auf der Herrenmodenmesse in Mailand gerade eine komplette Nylonkollektion vorgestellt, in der man dem Flixbus über die Alpen auch hinterherlaufen könnte. Es scheint, als gäbe es ein starkes Bedürfnis, der Talsohle der Fotogenität, der Selfies und der Self-Promotion zu entkommen.