Dürres, mageres Gras wächst am Bückeberg. Der Boden hat gelitten, als Männer des Arbeitsdienstes ihn traktierten, bis der Hang ebenmäßig abfiel und jeder die Hauptattraktion sehen konnte: Hitler in einem Meer jubelnder Menschen. Am Bückeberg bei Hameln haben die Nationalsozialisten die "Reichserntedankfeste" zelebriert, ein jährliches Schauspiel, das Hunderttausende anlockte und begeisterte. Neben den Parteitagen in Nürnberg und den Maifeiern in Berlin zählte es zu den größten Massenspektakeln des Regimes.

Nun, 80 Jahre später, soll eine Dokumentationsstätte darüber aufklären, mit welcher Inbrunst "Führer" und "Volksgemeinschaft" an diesem Ort gefeiert wurden. Doch die Stimmen werden lauter, die dem Berg etwas anderes wünschen: dürres, mageres Gras, das über die Geschichte wächst.

So ist ein Streit entbrannt, der seinerseits Erinnerungen weckt – an überwunden geglaubte Zeiten, in denen als Nestbeschmutzer galt, wer die NS-Vergangenheit dem Vergessen entreißen wollte. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sei Staatsräson, sie berge "kein Skandalisierungs- oder Aufregungspotenzial mehr", schreibt Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, in einem gerade veröffentlichten Aufsatz. Wagner muss sich korrigieren: In Bürgerversammlungen zum Bückeberg schlägt den Planern offene Wut entgegen.

Es sind vor allem Bewohner der benachbarten Gemeinde Emmerthal, die Unterschriften sammeln und gallige Leserbriefe schreiben. Zu hören ist allerdings nicht die rostige Rhetorik rechter Geschichtsverweigerer. Die Gegner argumentieren eher, als wollten sie einen Windpark oder eine Umgehungsstraße verhindern: Das Vorhaben sei zu groß und zu teuer. Aufklären, unseretwegen – aber warum ausgerechnet hier?

Ja, warum? Weil sich, jenseits des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg, kaum ein anderer Ort so gut eignet, um die Faszinationskraft des Nationalsozialismus zu ergründen. Um zu dokumentieren, wie integrativ und mobilisierend die Idee der "Volksgemeinschaft" auf weite Teile der Bevölkerung wirkte.

"Ein bäuerliches Volksfest bisher ungeahnten Ausmaßes in der freien Natur" schwebte Propagandaminister Joseph Goebbels vor – mit Hitler als Galanummer, Blut-und-Boden-Mystik im Rahmenprogramm und Trachtenfolklore als Zugabe. Das Ganze mitten im urdeutschen Germanenland Niedersachsen, der Heimat Widukinds und Horst Wessels. Die Mischung verfing. Zur Premiere am 1. Oktober 1933 kamen etwa 500.000 Menschen, bis 1937 kletterte die Zahl der Teilnehmer auf über eine Million. Und anders als auf den Reichsparteitagen, wo vor allem (männliche) Uniformträger der NSDAP und ihrer Gliederungen aufmarschierten, versammelten sich auf dem Bückeberg Männer und Frauen, Bauern und Stadtbewohner, Parteigänger und bloße Sympathisanten.

Gewiss, die NSDAP mobilisierte reichsweit für das Fest und ließ Sonderzüge nach Hameln fahren. Ohne die Bereitschaft der Bevölkerung aber ist die hohe Teilnehmerzahl nicht zu erklären. Wer auf den Bückeberg pilgerte, kam nicht als Zuschauer, sondern als Beteiligter; er wurde Teil der Inszenierung, die ohne Zuspruch der Massen kläglich gescheitert wäre.

Das Gelände hat Albert Speer gestaltet, eine gigantische Naturbühne, groß wie 25 Fußballfelder, von tausend Fahnenmasten umschlossen, von 80 Lautsprechern beschallt. In dieser Arena wurde die "Volksgemeinschaft" zum Erlebnis. Sobald Hitler den Berg erklomm, gab es kein Halten mehr: Eine "romantische Erregung, mystische Ekstase, eine Art heiliger Wahn" habe die Menschen und ihn selbst ergriffen, berichtete der – als Claqueur eher unverdächtige – französische Botschafter André François-Poncet.