Vergangene Woche wurde an dieser Stelle ein Loblied auf die Langweile in der Politik gesungen. Diese Woche liefert gleich zwei Beispiele als Beweis für den Segen des Drögen. Zuerst ein Blick nach Trumpland, das auf der Entertainment-Skala alle anderen Demokratien deklassiert. Am Sonntag ging der Bund pleite, weil der kompromissunfähige Senat kein Haushaltsgesetz hingekriegt hatte. Das Schicksal der Nation stand wieder mal auf der Kippe, wie schon 1996 und 2013. Am Montag gab’s bloß einen Halb-Deal, für drei Wochen, bis zum nächsten Cliffhanger. Wir haben hier zwar keine gewählte Regierung; der Bund muss dennoch nicht Konkurs anmelden.

Nun zur SPD nach Bonn, wo die Genossen brav und vernünftig das Sondierungspapier der Martin-Schulz-Riege absegneten: 28 Seiten klassischer deutscher Politik – ein wenig mehr für dich, ein wenig mehr für mich. Das Unglück lässt sich verkraften, der Kuhhandel ist keine Schande.

Ein dicker Brocken auf dem Weg in die Groko wurde so weggerollt. Wie hätten wir’s denn lieber? Eine große Partei, die älteste Deutschlands, die lieber keine Verantwortung für den Staat übernimmt? Eine Minderheitsregierung auf Abruf? Neuwahlen, die der SPD (derzeit) nicht einmal zwanzig Prozent brächten?

Aufregend ging es nur zu, als die Kanzlerin wider Charakter und Gewohnheit ein schnelles Machtwort sprach. Das eine war die Energiewende von 2011: weg vom Atomaren und Fossilen, hin zum Erneuerbaren. Leider steigt die Nachfrage nach Braunkohle, Öl und Gas, der CO₂-Ausstoß auch. Und zusammen mit den Dänen zahlen die Deutschen die höchsten Strompreise in der EU. Etwas mehr "Gezerre" und "Schachern", das geschärfte Nachdenken über Konsequenzen wäre zwar langweiliger, aber weiser gewesen.

Das zweite Machtwort war "Wir schaffen das" im Jahre 2015. Die Gesinnung war gut, die Folgen waren es nicht: der Aufstieg der AfD, die Niederlage der Groko II, die im September knapp 14 Prozentpunkte abgeben mussten. Jetzt haben wir doch eine "Obergrenze" für Flüchtlinge, obwohl dieses Wort ein Tabu bleibt. Auch hier hätten die Langatmigkeit und Langweile des demokratischen Prozesses bei der Beschlussfindung geholfen.

Grundsätzlich: Wer Politik als Drama, gar Titanenkampf versteht, möge den Kick bei Putin, Erdoğan oder Trump suchen. Dort ist immer was los, zumal in Trumpland, und die Medien können ihr Glück kaum fassen: Schlagzeilen und Auflage frei Haus. Sie erzählen uns auch gern von "Politikverdrossenheit", weil das Klein-Klein in diesem Land doch nur eintöniges Allerlei produziere – ein bisschen mehr Speck, ein bisschen weniger Bohnen.

Doch ist demokratische Politik kein Actionfilm wie bei Trump und Kollegen. Sie hat nicht zuvörderst mit grandiosen Absichten zu tun, sondern mit Konsequenzen. Ganz schlicht: Kleine Schritte lassen sich einfacher korrigieren als große Fehler. Pragmatismus – mal sehen, wie es in der Praxis ausgeht – schlägt keine tiefen Narben. Der Verlierer von heute ist der Sieger von morgen.

Machtmenschen wie Putin, Erdoğan, Orbán, Kaczyński und Trump verstehen Führung als Unterwerfung. Demokraten leben vom Konsens, und der ist nun mal dröge, muss es sein. Er ist aber das Unterpfand des liberalen Staates.