Woran erinnert man sich, wenn man sich an einen vor vielen Jahren verschlungenen Roman von Haruki Murakami erinnert? An die verworrenen Pfade, auf denen es, wie durch Lewis Carrolls Mäuseloch, die ganz alltäglichen Figuren ins Märchen zieht? An sprechende Katzen und einen doppelten Mond am Himmel? Man wird sich viel plastischer an etwas anderes erinnern: an die Räume, in denen sich die Figuren in ihrer Einsamkeit genug sind. Ihre perfekte Einrichtung. Alles ist an seinem Platz, von nichts gibt es zu viel, von nichts zu wenig. Zum Beispiel die Bibliotheken aus Hard-boiled Wonderland und Kafka am Strand. Hier finden Leser und die aus der Welt genommenen und doch von allen Seiten bedrohten Romanfiguren in schauriger Behaglichkeit zusammen. An solchen Orten, die, wie der Rausch der Lektüre, eigentlich Zustände sind, liegt es wohl, dass man ein Buch von Haruki Murakami nicht einfach zu Ende lesen, sondern sich am liebsten in ihm einrichten will.

Jetzt erschienen: der erste Teil seines auf zwei Bände angelegten neuen Romans. Er heißt Die Ermordung des Commendatore. Und auch hier gibt es diesen Ort, an den man sich länger erinnern wird als an all den noch so bizarren Budenzauber, mit dem Murakami auf knapp 500 Seiten nicht gerade geizt: den Mann, der unter der Hutkrempe kein Gesicht verbirgt, sondern einen milchigen Nebel; den Glockenstab, der von Geisterhand und jede Nacht zur selben Zeit geläutet wird; und den Commendatore, der einerseits eine Figur auf einem Gemälde ist (dort wird er gerade erdolcht), dann aber plötzlich putzmunter, wenn auch nur 60 Zentimeter groß, auf dem Sofa sitzt und (etwas geschwätzige) Witze erzählt. Er sei nur eine Idee, die diese oder jene Gestalt annehmen könne; hätte er sich für Micky Maus oder Pocahontas entschieden, dann müsse er wohl Gebühren an Disney zahlen.

Der Ort aber, an den man sich erinnern wird, ist ein Haus. Es liegt hoch oben auf dem Berg, ohne Nachbarn (außer den Wildschweinen im Wald), dafür mit allem, was sein früherer Bewohner, der weltberühmte Maler Tomohiko Amada, für nötig hielt: Schlaf-, Wohn- und Gästezimmer, alles spartanisch eingerichtet; kleine Küche; exquisite Stereoanlage (mit einem alten Röhrenverstärker der Firma Marantz); dazu keine CDs, aber eine auf Kammermusik und Opern spezialisierte Plattensammlung – wobei die Oper noch eine Rolle spielen wird, der Commendatore ist ja nicht nur einem Gemälde, sondern auch einem Libretto entsprungen. Und natürlich das Atelier, in dem der eigenbrötlerische Tomohiko Amada bis zuletzt gewirkt hatte. Hier quartiert Murakami seinen namenlosen Ich-Erzähler ein. Und dem täte ein wenig Ruhe wirklich gut.

Seine Vorgeschichte ist traurig, aber nicht unwahrscheinlich. Wie Amada ist auch der Erzähler von Beruf Maler, allerdings kein sonderlich erfolgreicher. Den abstrakten Stil aus Studienzeiten hat er sich, aus Geldgründen, längst abgewöhnt. Immerhin entwickelt er ein gewisses Talent als Porträtist, und seine Auftraggeber zahlen, dass es zum Leben reicht. So weit, so gewöhnlich. Der Maler ist 37 Jahre alt und kommt aus Tokio (so wie Murakamis Helden fast immer in ihren Dreißigern sind und aus Tokio kommen). Seit sechs Jahren verheiratet. Als seine Frau ihn jetzt mir nichts, dir nichts für einen anderen verlässt, bricht diese Welt zusammen.

Von Präfektur zu Präfektur: Der Maler steigt ins Auto (Peugeot 205) und fährt die Insel ab. Er übernachtet in Absteigen und dann, weil das noch billiger ist, im Zelt. Sein Handy wirft er aus dem Autofenster. Nichts hören, nichts sehen. Eine Reise in Erinnerungen: an Szenen eines Ehe-Alltags, den er als monoton, aber glücklich empfunden hatte, und an die dann so überraschenden wie knappen Abschiedsworte seiner Frau. Aber auch an seine Schwester, die, wie diese, genau drei Jahre jünger war als er, aber schon mit zwölf Jahren an einem Herzfehler gestorben ist. Und natürlich (Murakami liebt Doppelgängergeschichten) bildeten die beiden in seiner Wahrnehmung von jeher eine Dublette. Das hatte der Maler aber immer für sich behalten.

So eine Fahrt dauert nicht ewig. Dass sie schließlich in Tomohiko Amadas Haus endet, ist dessen Sohn zu verdanken, einem früheren Kommilitonen des Erzählers. Sein greiser Vater sei so schwer an Alzheimer erkrankt, dass er eine Oper nicht mehr von einer Bratpfanne unterscheiden könne. Man habe ihn ins Heim verfrachtet. Warum solle das alte Haus nun länger leer stehen?

Hoch oben auf dem Berg überstürzen sich die Ereignisse, nur in Zeitlupe. Schwer zu entscheiden, wann es bloß unwahrscheinlich und wann fantastisch wird. Es geht aber scheinbar alles vom Haus des alten Malers aus, von dem es übrigens heißt (typisch Murakamische Weltenrandmythologie), dass es genau auf einer Wetterscheide steht, sodass es dahinter regnen kann, während auf der Vorderseite die Sonne scheint.