Alles fing an, als wir in der dritten Klasse bei meiner Freundin auf der Treppe saßen und unseren Bauchspeck verglichen. Ich wog ein paar Kilo mehr als die anderen und schämte mich dafür. Mit zwölf hörte ich auf, normal zu essen. Ich verlor vier Kilo und bekam das erste Mal Komplimente. Ich machte weiter. Es beruhigte mich, dünner zu werden. Und meine Eltern haben nie hinterfragt, was ich da mache.

Mein Vater hat kein Verständnis für psychische Krankheiten. Er sagt: Was im Kopf passiert, ist reine Willenssache. Meine Mutter hat ihm nicht widersprochen. Dabei konnte jeder sehen, es war längst eine Sucht geworden: 37, 36, 34. Ich wusste, dass es aufhören muss, mit 32 Kilo wies ich mich selbst in die Klinik ein. Das war vor meinem 13. Geburtstag.

Jeder Film über Essstörungen hat an dieser Stelle ein Happy End: Jemand geht in die Klinik, kommt mit ein paar Kilo mehr nach Hause und ist gesund. So erwarteten es auch meine Eltern. Wenn ich vor dem Essen einen Heulkrampf bekam, schimpfte mein Vater: Geht das jetzt schon wieder los? Aber eine Sucht heilt sich nicht in ein paar Wochen!

Ich war 15, da sah ich auf Facebook dieses Bild, wie ein Mädchen Nutella aus dem Glas löffelt. Ich probierte es aus, und plötzlich war das Glas leer. Seitdem erstickte ich meinen Frust mit Essen. Acht Tafeln Schokolade, zwei Teller Nudeln, acht Pfannkuchen – ich rutschte von der Magersucht in die Fresssucht. Und weil ich dicker wurde, nahm ich Abführtabletten. Ich war genauso krank wie vorher, ich konnte es nur besser verstecken. Weil mein Gewicht konstant blieb, war ich für meine Eltern gesund. Wenn sie arbeiten gingen, schwänzte ich die Schule, um zu essen. Die leeren Nutellagläser hortete ich in meinem Zimmer, in Koffern, Rucksäcken und Kommoden. Als eine Abführtablette nicht mehr reichte, nahm ich zwei, zehn, 30, bis ich eines Abends auf dem Klo zusammenbrach.

Dieser Tiefpunkt hat mir die Augen geöffnet: Ich wusste, ich muss es selber schaffen. Neun Monate hatte ich quasi nicht mehr das Haus verlassen, und meine Eltern hatten nichts bemerkt. Ich nabelte mich ab, begann eine neue Therapie. Als ich 18 war, zog ich endgültig von zu Hause aus. Am Ende war es ein Zufall, der mir auf den richtigen Weg geholfen hat: Neben meiner ersten Wohnung war ein Fitnessstudio. Der Sport half mir, meinen Körper zu stärken, die Therapie ordnete meinen Kopf. Seitdem habe ich keinen Rückfall mehr gehabt. Inzwischen bin ich 22. Bis heute sagen meine Eltern nicht, dass ich krank war. Lieber nennen sie mich eine Rebellin.

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Protokoll: Luisa Thomé