Aus Sicht seiner Verteidigung dürfte Fabio V. der perfekte Mandant sein. Es ist kaum möglich, unschuldiger auszusehen als dieser 19-jährige Italiener. Fabio V. hat ein verschmitztes Lächeln und das Gesicht eines Kindes, von Bartwuchs keine Spur. Im Gerichtssaal wirkt er wie ein Schüler, der sich nur aus Spaß mal kurz auf die Anklagebank gesetzt hat.

Aber die Verhandlung gegen ihn ist bitterer Ernst. Dem jungen Mann wird schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen. Darauf steht eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Seit Oktober läuft der Prozess gegen Fabio V. vor dem Amtsgericht in Altona, und mit jedem Verhandlungstag wurde der Angeklagte mehr zur Symbolfigur. Anfangs saß er in Untersuchungshaft, inzwischen ist er gegen Kaution frei, der Prozess aber wird wohl noch Wochen dauern. Viele Beobachter, vor allem in der linken Szene, sind sich sicher: Hier sitzt ein Unschuldiger auf der Anklagebank. Der passende Hashtag in den sozialen Medien lautet: #FreeFabio.

Der Streit um den Prozess nimmt bisweilen hysterische Züge an. Die Satire-Sendung heute-show zeigte ein Bild von V. und fragte: "In welcher Stadt ist Fabio V. angeklagt? A) Ankara B) Hamburg". Und die linke, nach eigenen Angaben marxistisch orientierte Zeitung junge Welt sah sich berufen, den Namen und Beruf des Ehemanns der Staatsanwältin zu veröffentlichen, wohl um sie und ihre Familie unter Druck zu setzen. Zwischenzeitlich musste die Staatsanwältin unter Polizeischutz gestellt werden.

Es geht um viel im Fall Fabio V., aber im Zentrum steht eine simple Frage: Kann sich jemand auf einer eskalierten G20-Demonstration des Landfriedensbruchs schuldig gemacht haben, ohne selbst einen einzigen Stein geworfen zu haben – als Mitläufer im Wortsinn? Die Antwort könnte weitreichende Folgen haben, nicht nur für die übrigen auf der Demonstration Festgenommenen, deren Fälle noch verhandelt werden. Sondern auch für das Demonstrationsrecht.

Es ist Freitag, der 7. Juli, als der verhängnisvollste Tag des G20-Treffens beginnt. Die Stadt wacht gerade erst auf, da zieht sich durch Altona schon eine Spur der Verwüstung. Ein schwarz maskierter Mob randaliert in den Straßen, zerschlägt Scheiben, zündet Autos an. Anwohner filmen die Szenen von ihren Balkonen, die Bilder gehen um die Welt.

Etwas früher, gegen 6.30 Uhr, trifft in Bahrenfeld in der Straße Rondenbarg eine etwa 200-köpfige Gruppe auf die Polizei. In verschiedenfarbigen sogenannten Fingern wollen Demonstranten aus dem Protestcamp im Altonaer Volkspark Richtung Innenstadt ziehen und den Gipfel blockieren. Es gibt zum Beispiel eine rote Gruppe, die laut Polizei sogar an roten Ampeln hält. Dies hier am Rondenbarg ist offensichtlich der schwarze Finger: Viele tragen schwarze Masken, manche recken Bengalos in die Luft. Einige dieser Gestalten in der vordersten Reihe halten ein Banner mit der Aufschrift "Gegenmacht aufbauen – Kapitalismus zerschlagen".

Die Polizisten steigen gerade erst aus ihren Wagen aus, da fliegen schon Steine, Bengalos und Böller. Die Beamten zögern nicht lange: Sie stürmen los und zerschlagen die Gruppe, wobei sie manche Demonstranten mit Fausthieben niederstrecken. Mehr als 70 Personen werden festgenommen. Darunter: Fabio V.

Für die Sicherheitsbehörden muss ihn zusätzlich verdächtig gemacht haben, dass Linksradikale aus Italien als Antreiber der Hamburger Krawalle gelten. Gehörte Fabio V. zu dieser Gruppe? Auf den Fotos der Polizei wirkt er eher wie ein Junge, der sich verlaufen hat. Man sieht ihn nach seiner Festnahme vor einem Mannschaftswagen stehen, verwuschelte Haare, schlabbriges T-Shirt, hängende Arme.

In ihrer Analyse wird die Polizei die Gruppe später in fünf "Zonen" aufteilen, Fabio V. verortet sie kurz vor dem Zugriff in Zone 5, das heißt: ganz hinten, wo sich offenbar ein bunteres Spektrum aufhielt, laut einem NDR-Bericht auch Mitglieder der ver.di-Jugend. Auf Fernsehbildern sieht man Fabio V., wie er nach dem Polizeieinsatz bei einer Frau steht, die verletzt am Boden liegt, während andere flüchten.

Fabio V. hat laut Anklage keinen Stein geworfen, er war nicht vermummt und hielt es offenbar auch nicht für nötig, zu fliehen. Ist er trotzdem schuldig?

Des Landfriedensbruchs macht sich strafbar, wer "als Täter oder Teilnehmer" aus einer Gruppe heraus Gewalttaten gegen Menschen oder Sachen begeht. Ein Täter in diesem Sinne war Fabio V. wohl nicht. War er ein Teilnehmer? Als solcher gilt, wer physisch Beihilfe leistet, also etwa Gehwegplatten zertrümmert und anderen die Steine reicht. Als Teilnehmer gilt aber auch, wer die Gewalt psychisch unterstützt.