Je näher man in der CDU herangeht an Angela Merkel, desto einfacher klingt die Sache: Die SPD habe für die Koalitionsverhandlungen nichts gefordert, was nicht machbar wäre, heißt es in ihrem Umfeld. Je weiter man aber von Merkel weggeht, desto unmöglicher klingt das, was nun kommen soll: Schwierig werde das mit der großen Koalition, sehr schwierig, sagen einflussreiche Unionspolitiker. Martin Schulz habe mit seinen neuen Forderungen etwa nach Verbesserungen für gesetzlich Krankenversicherte völlig unrealistische Erwartungen geweckt. Man könne sich gar nicht vorstellen, wie eine gemeinsame Regierung zustande kommen könnte.

Von Freitag an soll nachverhandelt werden, mit diesem Versprechen hat SPD-Chef Martin Schulz seine misstrauische Basis auf dem Parteitag am vergangenen Sonntag gerade noch so bei der Stange gehalten. Aber 44 Prozent Gegenstimmen gegen Koalitionsverhandlungen mit der Union haben die SPD hart getroffen. In der Parteispitze haben sie jetzt regelrecht Angst vor dem Mitgliederentscheid, der am Ende der Koalitionsverhandlungen stehen wird – und der alles zum Platzen bringen könnte.

Es ist eine vertrackte, in der Geschichte von Koalitionsverhandlungen noch nie dagewesene Situation: Um sich selbst zu retten, hat der Chef der einen Partei (Schulz) ein paar Versprechen abgegeben, die nun die Chefin der anderen Partei (Merkel) einlösen muss. Die ist allerdings auch nicht gerade in Höchstform.

Deshalb beginnen in ihrer Partei, der CDU, nun wiederum einige zu überlegen: Wollen wir wirklich, dass die große Koalition zustande kommt? Oder könnte man mit dem mäßig geliebten und heillos in die eigene Krise verhedderten Juniorpartner SPD nicht auch gleich die Kanzlerin loswerden? Und etwas ganz Neues anfangen.

Denn auch das ist neu: Wer in der Union Merkel stürzen will, muss in den kommenden Wochen nicht mehr selbst aktiv werden, muss keinen Aufstand planen und keine Verschwörung anzetteln. Er kann einfach nur die Arme verschränken, alle SPD-Forderungen zurückweisen – und abwarten, dass die SPD die große Koalition und damit möglicherweise auch Merkel zu Fall bringt.

Sie trete bei Neuwahlen wieder an, hat Merkel gesagt. Aber gilt das noch?

Um die Kanzlerin herum werden deshalb in diesen Tagen Kompromissbereitschaft und Zuversicht versprüht wie Raumdeo im Kaufhaus. Der SPD-Chef habe ja, wenn man genau hinhöre, nichts versprochen, was gar nicht gehe, heißt es im Adenauerhaus. Eine Bürgerversicherung, das Lieblingsprojekt der SPD-Linken, werde es zwar nicht geben, aber über eine Besserstellung von gesetzlich Krankenversicherten könne man reden. Die sogenannte sachgrundlose Befristung, bei der Arbeitsverträge ohne Angabe von Gründen zeitlich begrenzt werden, wolle man nicht abschaffen, aber es seien sich doch alle einig, dass man gegen Kettenbefristungen etwas machen müsse. Und eine Härtefallregelung für den Familiennachzug von Flüchtlingen, wie Schulz sie seiner Partei fest versprochen hat, habe es ja schon bei Jamaika gegeben. Alles kein Problem, könnte man meinen.