Viele werden "seine" Musik schon einmal gehört haben. Denn Michael Wildemann, Inhaber einer kleinen Firma in Seevetal südlich von Hamburg, schulterlange Locken, dicke Silberkette, Totenkopfring, beliefert vor allem große Textilhandelsketten, aber auch Fitnesscenter und Hotels mit Klangteppichen, die die Kunden zum Verweilen und damit zu mehr Einkäufen verführen sollen.

Für den 48-Jährigen ist das ein florierendes Geschäft. Denn der Handel, sagt Wildemann, versuche mit immer neuen Attraktionen Menschen in die Läden zu locken und dort zu halten. Und dazu gehöre eben auch ein auf die jeweilige Marke und Ware zugeschnittener Musikmix, der mehr oder weniger dezent im Hintergrund läuft.

Michael Wildemann © privat

Bemerkenswert an Wildemanns Firma ist außerdem, dass sie in der überschaubaren Branche eine der kleineren ist – und er daran auch gar nichts ändern will. Wozu auch wachsen, wenn sein Laden gut läuft, genau so, wie er ist? Es ist eine Einstellung, die man im Wirtschaftsleben selten antrifft. Der Mann, der Otto Normalverbraucher mit Musik beglückt, ist selbst eine Ausnahmeerscheinung.

Was Musik alles kann, das weiß man seit dem Zweiten Weltkrieg. Da entdeckte ein US-General, dass man mit Musik Soldaten kampfeslustiger stimmen kann. Außerhalb des Militärs kamen seine Erkenntnisse ab den 1950er Jahren zunächst vor allem in Aufzügen zum Einsatz. Denn viele Menschen ängstigen sich in den engen Kabinen – sogenannte Fahrstuhlmusik sollte sie beruhigen. Wenig später setzten dann auch Läden und Kaufhäuser Klänge ein, um für die Kunden eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, damit sie wohlig shoppen.

Stille, sagt er, wirke auf viele Menschen beängstigend

Heute ist Hintergrundmusik kaum noch wegzudenken, ob in der Hotellobby, im Restaurant, im Schwimmbad oder auf öffentlichen Plätzen. All denen, die sich über seichte Musikberieselung ärgern, entgegnet Wildemann, dass Stille auf viele Menschen beängstigend wirke. In Läden oder Kaufhäusern sei es ohnehin nie ganz ruhig, schon wegen der Klimaanlagen und anderer Kunden. "Im Restaurant möchte auch nicht jeder die Gespräche am Nebentisch mitverfolgen. Musik kann das gut überdecken."

Wildemann ist Fan der Rolling Stones und von anderem klassischen Rock. Für ihn hat Musik grundsätzliche Bedeutung: "Geräusche bedeuten Leben. Wo es still ist, ist es oft tot." Er sei schon immer musikbegeistert gewesen, erzählt er. Als Schüler hat er Bands gemanagt. Vor sieben Jahren gründete er dann, nach einigen Jahren bei einer anderen Hintergrundmusik-Firma, mit deren früherem Geschäftsführer Jeffrey Marshall ein eigenes Unternehmen. Die beiden führen nun die Firma allein, Wildemann als kreativer und technischer Kopf, Marshall kümmert sich um das Geschäftliche. Bundesweit haben sie fünf Mitarbeiter im technischen Außendienst.

Drei Jahre vor der Firmengründung war Wildemann mit seiner Familie aus dem lauten Hamburg aufs stille Land gezogen, der Kinder wegen. Heute freut er sich, wenn er in der Nähe einen Zug hört. Gerade im Winter, wenn kaum noch Vögel da sind, die zwitschern. Das Zuggeräusch vermittelt ihm eine Verbindung zur nahen Metropole. Städte, sagt Wildemann, hätten einen ganz eigenen Soundtrack. Je weiter man von der Stadt wegkomme, desto leiser werde es. "Ein Dorf klingt anders. Schon weil die Bewohner im Schnitt älter sind, andere Musik hören und andere Autos fahren."

Für seine Kunden stellt Wildemann in der Regel Playlists mit Mainstream-Pop zusammen. "Harter Rock oder Hip-Hop gehen nicht", ist seine Erfahrung, die – neben gutem, schnellem Service – sein Geschäftskapital darstellt. Radiosender spielen nach seinen Recherchen pro Jahr oft nicht mehr als 400 bis 500 Titel, manchmal dieselben Stücke jede Stunde, auch wegen der Gebühren für die Abspielrechte. Er selbst tauscht dagegen von den rund 500 Songs, die er und seine Mitarbeiter über kleine Mediaplayer und via Internet in die Geschäfte bringen, alle sechs Wochen ein Zehntel aus. Nach anderthalb Jahren ist die Playlist dann komplett neu.