Er wird wohl nicht zurückkehren: Denis Cuspert, einst bekannt als Berliner Gangsta-Rapper Deso Dogg, später berüchtigt als IS-Terrorist Abu Talha al-Almani, ist vermutlich tot. "Sein Blut steht für Entschlossenheit", heißt es in einem Nachruf, den eine Dichterin der Terrorgruppe vergangene Woche veröffentlichte. Cuspert starb laut IS-nahen Quellen in einem Gefecht in Syrien. Deutsche Sicherheitsbehörden haben kaum Zweifel an seinem Ableben.

Aber andere IS-Kämpfer aus Deutschland und deren Angehörige werden aus Syrien und dem Irak zurückkehren. Um die 150 (von rund 1.000) sind schon wieder hier. Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst, BKA: Sie alle sind sich einig, die Sicherheitslage bleibt angespannt. Zur Gefährlichkeit der Rückkehrer kommt noch diejenige der hier lebenden Extremisten hinzu. Der Zerfall des "Kalifats" allein, dieses Pseudostaates des IS im Nahen Osten, ist kein Anlass zur Beruhigung. Zumal die Sicherheitsbehörden stetig mehr Gefährder registrieren: 2014 waren es 249, im Folgejahr bereits 394.

Jetzt gibt es aktuelles Datenmaterial, das hilft, die Gefahr präziser zu schätzen. Es beruht auf eigenen Recherchen der ZEIT sowie teils vertraulichen Antworten der Bundesregierung auf kleine Anfragen von Bundestagsabgeordneten verschiedener Fraktionen. Die Zahlen zeigen: Die Terrorgefahr ist nicht nur importiert. Sie ist in hohem Maße ein deutsches Problem.

So leben laut Bundesregierung (Stichtag 24. November 2017) 711 "islamistische Gefährder" in Deutschland. Hinzu kommen 437 "relevante Personen". Polizeibehörden definieren einen Gefährder als "eine Person, zu der bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung (...) begehen wird". Eine "relevante Person" ist jemand, der "innerhalb des extremistischen/terroristischen Spektrums" als Führungsperson, Unterstützer oder Akteur fungiert und dem zugetraut wird, schwere politisch motivierte Straftaten zu fördern, zu unterstützen oder zu begehen.

Erstmals wurden – auf Verlangen der AfD – die Nationalitäten aufgeschlüsselt. Mit überraschendem Ergebnis, denn der Anteil der Deutschen ist hoch: 245 Gefährder haben dem als Verschlusssache eingestuften Antwortteil zufolge ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit, 122 weitere sind Doppelstaatler mit deutschem und einem anderen Pass. Das sind zusammen mehr als die Hälfte. Die größten sonstigen Anteile: 99 Gefährder sind Syrer, 66 Türken. Bei den "relevanten Personen" ist es ähnlich: 174 sind Deutsche, 65 besitzen den deutschen und einen anderen Pass; 51 sind Türken, 28 Syrer. Aus den Zahlen ergibt sich: Weder lässt das Gefährder-Problem sich einfach durch Abschiebung lösen noch allein durch Zuwanderung erklären.

Wer ist gefährlich?

Dschihadistische Szene in Deutschland

Bundesregierung; Stand 24. 11. 2017 © ZEIT-Grafik

Etwas weniger deutlich spiegelt sich diese Tendenz in Terrorverfahren. Antworten der Bundesregierung ergeben, dass der Generalbundesanwalt 2017 959 Ermittlungsverfahren zum islamistischen Terrorismus eingeleitet hat. Das sind deutlich mehr als in den Vorjahren. In 234 dieser Verfahren gibt es einen Bezug zum IS. Von den 260 darin Beschuldigten sind ein knappes Viertel Deutsche.

Betrachtet man sämtliche Verfahren, nicht nur jene mit IS-Bezug, kommt man auf nur sechs Prozent deutsche Beschuldigte. Das liegt aber möglicherweise an einer kuriosen Verzerrung: Es ist auffällig, dass sich viele Afghanen und Somalier in ihren Asylanhörungen neuerdings selbst bezichtigen, Terrorgruppen angehört zu haben. Vielleicht in der Hoffnung, dass lange Prozesse bessere Bleibeaussichten bringen. So sind in den oben erwähnten 959 Verfahren mit 1.038 Beschuldigten allein 338 Afghanen und 218 Somalier vertreten.