DIE ZEIT: Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Gefangenen des Vernichtungslagers Auschwitz. Heute ist dieser Tag in Deutschland ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die Vereinten Nationen haben ihn zum Gedenktag für die ermordeten Juden erklärt. Sie haben als Kind das KZ Buchenwald überlebt. Wie kam das?

Israel Meir Lau: Ich war sieben Jahre alt, als ich am 11. April 1945 in Buchenwald befreit wurde. Dieser Tag war für uns alle im Lager eine große Überraschung, da wir so lange vom Rest der Welt abgeschnitten gewesen waren. Wir wussten nicht, dass die Amerikaner überhaupt in Europa waren. Wir hatten keine Ahnung von der Landung der Alliierten in der Normandie. Im Gegenteil. Das Einzige, was wir wussten, war, dass Hitler der Herrscher der Welt sei. Ich erinnere mich an den Ruf: "Deutschland, Deutschland über alles!" (verwendet die deutschen Wörter, wie noch öfter im Interview)

ZEIT: Was ist Ihre erste Erinnerung an Buchenwald?

Lau: Jede Stunde kam ein Zug am Tor des Lagers an und brachte neue Kriegsgefangene, neue Juden und Nichtjuden aus Belgien, Bulgarien, ja sogar aus Griechenland und Tunesien. Sie sprachen Jiddisch und Französisch, Niederländisch und Deutsch. Wir dachten: Wenn Hitler unschuldige Menschen aus aller Welt nach Buchenwald verfrachten kann, dann muss die Welt ihm ausgeliefert sein. Wir sahen kein Licht am Ende des Tunnels. Wir waren hier, um zu sterben.

ZEIT: Wie erlebten Sie Ihre Befreiung?

Lau: An diesem Tag hätte ich niemals gedacht, dass ich achtzig Jahre alt werden würde, denn die Menschen rings um mich starben wie die Fliegen. Viele wachten morgens einfach nicht mehr auf. Wir waren ohne jede medizinische Betreuung, ohne sanitäre Einrichtungen, ohne Hilfe, einfach ohne alles. Was es gab, waren Schläge, Kälte, Krankheiten, Hunger, harte Arbeit und Einsamkeit. Nun war ich plötzlich frei. Aber was ist Freiheit? Ich hatte meine Eltern verloren und meine Freunde sterben sehen. Können Sie sich vorstellen, was es heißt, ein Überlebender zu sein?

ZEIT: Nein, aber vielleicht können Sie Ihre Gefühle in Worte fassen?

Lau: Das kann ich nicht. Ich zähle Ihnen einfach die Fakten auf. Wichtig ist: Jeder von uns war überzeugt, dass er keine Überlebenschance hatte. Dafür musste man kein Pessimist sein, es war nur realistisch. Sie müssen sich vorstellen, dass die Wachleute uns am Schluss überhaupt nichts mehr zu essen gaben, nicht einmal mehr die fünfzig Gramm Brot, die wir zuvor bekamen. Dieses Brot war hart wie Stein und schimmlig, wir konnten es kaum essen mit unseren kaputten Zähnen. Ich sah aus wie ein alter Mann und dachte die ganze "Wie lange werde ich noch überleben? Einen Tag? Eine Woche?" Schon ein Monat erschien mir als Ewigkeit. Aber wie Sie sehen, bin ich immer noch hier. Nach über siebzig Jahren. Ha! Was für ein Geschenk des Himmels!

ZEIT: Als Kind gehörten Sie zu den Schwächsten im Lager. Sehen Sie Ihre Rettung tatsächlich als Himmelsgeschenk? Oder als Zufall? Als Schicksal?

Lau: In erster Linie hatte ich Glück, dass mir andere Gefangene mit Sympathie begegneten. In Buchenwald war ich leider gleich von meinem elf Jahre älteren Bruder Naphtali getrennt worden, der in den Block 59 für "gemeine Juden" kam. Mich als polnisches Kind mit Spitznamen Lulek steckte man in den Block 8, zu den anderen Kindern und Jugendlichen. Einer von ihnen wurde mein Held: Fjodor Fjodorowitsch Michailitschenko, ein russischer nichtjüdischer Mithäftling aus Rostow am Don. Obwohl er selber erst achtzehn Jahre alt war, rettete er mir viele Male das Leben.

ZEIT: Was für ein Mensch war er?

Lau: Fjodor war gutherzig und brüderlich. Er stahl jeden Tag Kartoffeln und versuchte mir im Hof von Block 8 eine heiße Suppe zu kochen. Als ich im Januar 1945 nach Buchenwald kam, war es bitterkalt. Jeden Morgen gab es einen "Appell", der manchmal Stunden dauerte, bei Eis und Schnee. Die Bewacher schrien Befehle: "Mützen ab! Mützen auf!" Fjodor hatte mir wollene Ohrwärmer gestrickt, die ich unter meiner Mütze trug, denn im Januar und Februar war es so kalt, dass einem die Ohren abfroren. Jeden Abend vor dem Schlafengehen kam er an meine Pritsche, um nachzusehen, ob ich die Ohrenschützer unter meine Kappe gesteckt hatte, denn um vier oder fünf Uhr früh, wenn sie uns aufweckten, mussten wir sofort zum "Appellplatz" rennen.

ZEIT: Wie ging es nach der Befreiung mit Fjodor weiter?

Lau: Die traurige Wahrheit ist, dass ich das nicht weiß. Ich habe ihn in dem Durcheinander aus den Augen verloren. Und da ich damals nicht wusste, wie Fjodor mit Nachnamen heißt, habe ich 63 Jahre lang vergeblich nach ihm gesucht.

ZEIT: Auch in der Sowjetunion?

Lau: Ja. Ich war in den 1980er Jahren sogar selber im Kreml. Es war die Tauwetterzeit, als Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU war. Seine Regierung schaltete für mich eine Such-Anzeige in der Iswestija, dem Presseorgan der Regierung: Man bat Fjodor aus Rostow, der am 11. April 1945 in Buchenwald befreit worden war, mit dem stellvertretenden Minister für Auswärtige Angelegenheiten Kontakt aufzunehmen. Leider antwortete Fjodor nicht auf die Anzeige.