DIE ZEIT: Der Wirtschaftsausblick des Internationalen Währungsfonds zeichnet ein recht rosiges Bild der Weltwirtschaft mit zuversichtlichen Unternehmen und Verbrauchern. Woher kommt dieser globale Aufschwung?

Maurice Obstfeld: Ich denke, dass die expansive Geldpolitik der großen Zentralbanken die Wirtschaft sehr unterstützt hat. Dazu kommen Chinas Bemühungen, seine Konjunktur zu stärken. Peking hat nach dem Abschwung um 2015 eine ziemlich expansive Fiskalpolitik betrieben, also viel Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Dazu kam die Fiskalpolitik der entwickelten Länder. Auch Japans Regierung hat die Budgetmittel erhöht. Geld- und Fiskalpolitik haben eine große Rolle gespielt. Das ist also alles kein Zufall.

ZEIT: Trotz des Aufschwungs steigt die Inflation kaum. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Löhne nicht steigen und Arbeiter und Arbeitnehmer von dem Trend nicht profitieren?

Obstfeld: Die Löhne sind insgesamt nur langsam gestiegen, obwohl sie in einigen Ländern nun schneller steigen. Ein Grund dafür ist ein langfristiger Trend, dass nämlich das Wachstum der Produktivität ziemlich gering ist. Aber jetzt sehen wir in einigen Ländern Anzeichen, dass die Inflation beginnt, sich in Richtung der Zielgrößen zu bewegen. Wir denken, dass sie in den USA um 2019 bei 2 Prozent liegen wird oder vielleicht sogar ein bisschen darüber. In Europa erwarten wir, dass das Inflationsziel von nahe 2 Prozent etwa im Jahr 2020 oder 2021 erreicht wird.

ZEIT: Wenn die Löhne nicht steigen, profitieren dann vor allem Aktionäre, verschuldete Staaten und Finanzmärkte vom Aufschwung und von der Politik der Zentralbanken, die große Mengen an Wertpapieren kaufen und sie so wertvoller machen?

Obstfeld: Ich denke, dass die Preissteigerungen von Wertpapieren ein Nebeneffekt dieser Politik sind, der sicher jenen nutzt, die diese Papiere haben. Aber wir sollten auch nicht all jene Beschäftigten aus dem Blick verlieren, die arbeitslos waren und die nun wieder Arbeit haben. Das Hauptziel der Notenbankpolitik war es, zur Vollbeschäftigung zurückzukehren und vor allem Arbeitnehmern zu nutzen. Es ist falsch, zu argumentieren, dass Zentralbanken diese Politik nicht hätten verfolgen sollen, weil sie auch den Reichen nutzt. Die höheren Anlagepreise haben ja auch die wirtschaftliche Aktivität stimuliert und so zu mehr und besserer Beschäftigung geführt.

ZEIT: In Deutschland sind nicht nur die Preise von Aktien, sondern auch die Preise für Immobilien wegen der niedrigen Zinsen stark gestiegen. Sehen Sie keine Gefahr von Spekulationsblasen wegen der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken?

Obstfeld: Einzelne Länder mögen unterschiedliche Situationen im Immobiliensektor haben, aber ich sehe keine Immobilien- oder andere Finanzblasen auf der Welt. Wir beim IWF sorgen uns eher wegen der steigenden Staatsschulden auf der ganzen Welt. Die hohen öffentlichen Schulden werden die Fiskalpolitik in Zukunft sicher einengen, verglichen mit der Situation vor der Finanzkrise. Es besorgt uns auch, dass es Staaten unter Stress setzen wird, wenn die Zinsen, die sie bezahlen müssen, steigen.

ZEIT: In Deutschland hat die Inflation kürzlich zugelegt. Erwarten Sie, dass sie hierzulande deutlich über 2 Prozent steigt, bis die EZB ihr 2-Prozent-Ziel für die ganze Euro-Zone erreicht?

Obstfeld: Das Mandat der EZB ist Preisstabilität in der Euro-Zone und nicht in Deutschland. Da die Erholung in Deutschland sehr fortgeschritten ist, ist es eine arithmetische Notwendigkeit, dass die Inflation in Deutschland über 2 Prozent steigen muss, damit die Euro-Zone als ganze das Kriterium erfüllt. Ich denke nicht, dass das notwendigerweise eine schlechte Sache ist, weil Deutschland in der Euro-Zone derzeit unterbewertet ist und es einen hohen Handelsbilanzüberschuss hat. Ein Teil des Anpassungsprozesses für die Leistungsbilanz wäre ein weiterer Anstieg der Löhne und Preise.

ZEIT: In vielen westlichen Ländern sind populistische und illiberale Politiker erfolgreich, die versprechen, Grenzen zu schließen und liberale Institutionen zu zerstören. Warum stört das Finanzmärkte und die Weltwirtschaft nicht?

Obstfeld: Die meisten dieser Parteien haben, während sie Stärke gewonnen haben und in manchen Fällen an die Regierung gekommen sind, ihre Programme mit ein paar Ausnahmen wie dem Brexit nicht ausgeführt. Und ich denke, dass die Finanzmärkte erwarten, dass die ökonomische Rationalität langfristig Oberhand gewinnen wird. Es mag sein, dass sie da zu optimistisch sind.

ZEIT: Im IWF-Ausblick für die Weltwirtschaft wird die Türkei als Erfolgsbeispiel genannt. Gleichzeitig ist sie kein Musterbeispiel für Rechtsstaatlichkeit. Warum stört das die Wirtschaft nicht?

Obstfeld: In der Türkei unterstützt die Regierung die Kreditvergabe der Banken und das Kreditwachstum stark, was einen wichtigen Effekt hatte. Zudem handelt die Türkei viel mit der EU, deren Wirtschaftsleistung stark wächst. Außerdem hat die Türkei sehr vom globalen Trend profitiert.

ZEIT: Warum belohnen viele Wähler das bestehende System nicht für die gute wirtschaftliche Situation, die auch durch globale Vernetzung ermöglicht wird, und wählen stattdessen Politiker, die Abschottung versprechen?

Obstfeld: Erst kam die globale Krise, dann die Euro-Krise, dann dauerte es sehr lange, bis robustes Wachstum zurückkam. Die Wähler waren dann weniger überzeugt von der Macht der Wirtschaftspolitiker, einen guten Kurs einzuschlagen. Nun ist der schlimmste Teil der Finanzkrise zwar vorbei. Aber in vielen Ländern spielen nun die kulturellen Themen, die sich aus der Immigration ergeben, eine große Rolle. Das sehen wir überall in Europa, in Großbritannien und den USA. Wenn man das alles zusammennimmt, ist es nicht überraschend, dass wir die politischen Trends haben, die wir sehen.

ZEIT: Trumps protektionistische "America first"-Politik scheint sich ökonomisch gerade sogar auszuzahlen. Hat er recht mit dem, was er wirtschaftspolitisch tut?

Obstfeld: Ich sehe keinen Trend in den USA, der sich im Sinne von Wachstum dramatisch von dem in Europa oder Asien unterscheiden würde. Wir haben bislang keinen wirklichen Politikwechsel oder Veränderungen beim Handel in den USA gesehen. Es gab viel Gerede, viel Rhetorik, aber relativ wenig Aktion.